Resistent

Am Tag der Deutschen Einheit war die Teilung des Landes unüberhörbar. Politiker und Journalisten sprachen zwei Jahre nach der Vereinigung immer noch von den „fünf neuen Ländern“. Die sprachliche Verrenkung hat Tradition. In der Nachkriegszeit sprach Bundeskanzler Kiesinger von der DDR als „Phänomen“, die Springer-Presse versuchte, sie mit Anführungszeichen zu bewältigen. Hartnäckig wie Unkraut hält sich heute die Stilblüte von den „neuen Ländern“ – resistent gegen alle Einwände, daß zum Beispiel Brandenburg doch viel älter ist als etwa Nordrhein-Westfalen. Einige verspüren Unbehagen an der Formel. Die Berliner tat hat das Modewort schon ironisch auf „Neufünfland“ verkürzt. Und Bundesfinanzminister Waigel brachte die wenig inspirierte Wendung von den „fünf jungen Ländern“ ins Gespräch. Aber warum sagen wir nicht einfach „Ostdeutschland“, wenn doch heute jenseits der Oder Polen beginnt? Sollte es Leute geben, die diesen Begriff für zukünftige Wiedervereinigungen reservieren möchten?

Stubenrein

Tatort: das Wohnzimmer. Der Sonntagabendkrimi war nett und blöd verklungen, dann kamen die „Tagesthemen“. Moderatorin Sabine Christiansen kündigte einen Bericht vom Ende des Oktoberfestes an. Lustig, bieder und gemütlich ging’s da gleich her: Soundso viele Millionen Maß liefen durch durstige Kehlen, erfuhren wir, das Geschäft war heuer net ganz so gut wie im Vorjahr, war zu hören, und dann kam die obligate Stimme aus dem Volk. Ein bayerisches Mannsbild gab vor der Kamera zu Protokoll: „Jaja, es war gut, daß diesmal nicht so viele Itaker, also Italiener, dagewesen sind und nicht so viele Amerikaner beziehungsweise überhaupt Ausländer. Des hat schon g’paßt.“ Ein Mann, ein Wort. Herzhaft, gemütlich, schrecklich. Im nunmehr dritten Jahr der deutschen Einheit flimmert der Rassismus direkt ins deutsche Wohnzimmer, unkommentiert und unverblümt – stubenrein.

Ausgezeichnet

Ben Witter, ZEIT-Spaziergänger und Zeitbetrachter, hatte am 1. Oktober Grund zum Feiern. Seit fünfzig Jahren ist er Journalist. Aus diesem Anlaß verlieh ihm der Bundespräsident das Große Verdienstkreuz.