HALLE. – Kürzlich im Studio des „MDR-Nachtcafé“ (Mitteldeutscher Rundfunk): Der Moderator Knut Teske stellt dem ehemaligen Professor der Filmhochschule Babelsberg und jetzigen PDS-Landtagsabgeordneten von Brandenburg, Lothar Bisky, eine Frage, mit der er seine Integrität aufgrund seiner Vergangenheit anzweifelt. Ich kenne Herrn Bisky und schätze ihn als eines der integren SED-Mitglieder. Ich empfinde die „Sieger“-Frage als unfair, uninformiert und verletzend. Ich werfe spontan ein: „Ihre Frage, Herr Teske, zeigt, daß Sie von weit her kommen.“ Das Publikum quittiert das mit Beifall. Im weiteren Verlauf des – schlecht vorbereiteten, eher zufällig als vertiefend verlaufenden – Talks über die deutsche Einheit nach zwei Jahren meint der Moderator, die Reaktionen des Publikums hätten gezeigt, daß es wenig Verständnis für die Werte der Demokratie habe. Unmut im Publikum wird laut, wird zur Wut. Der Moderator fordert dazu auf, doch ans Mikrophon zu gehen. Ein behäbig wirkender Mann mit Schnauzbart steht auf, bekennt sich zu seiner Unsicherheit und Erregung und sagt, er sei Westdeutscher und schäme sich dafür, wie Herr Teske hier rede. Das ist ein glücklicher Moment gelingender Einheit mitten im Konflikt! Dieser Mann hat mit diesem einfachen, aus dem Herzen kommenden Satz dabei geholfen, die Klischees voneinander zu überwinden, gerade weil sie praktisch immer wieder durch Erfahrung belegt werden.

Am Schluß der Fernsehübertragung gehe ich zum Moderator und sage ihm, daß ich ihn hier beim MDR für völlig ungeeignet hielte. Eine Gruppe von etwa fünfzehn Hallenserinnen und Hallensern umringt ihn und verwickelt ihn in ein erregtes Gespräch. Das war ein spontaner Protest gegen solchen „öffentlichen Umgang“ mit ihnen.

Als ich mich später abends von Herrn Teske verabschiede mit dem Bemerken, daß wir uns nicht verstanden hätten, und das bei dem Thema „deutsche Einheit“, antwortet er darauf: „Seien Sie froh, daß Sie mein Gast gewesen sind, sonst wäre ich ganz anders mit Ihnen umgegangen.“ – „Wieso?“ – „Ich hätte gesagt: Wenn Sie meinten, ich käme von weit her, so sage ich Ihnen, Sie sind noch gar nicht losgegangen.“ – „Was meinen Sie damit?“ – „Sie sind noch immer in den Grenzen Ihres Mauerstaates. Von einem Pfarrer hätte ich mir übrigens anderes erwartet, nämlich Zuhören und Dialogfähigkeit. Das können Sie überhaupt nicht, und ich darf wohl als Moderator Fragen stellen. Zum Beispiel haben Sie mir die Antwort auf meine Frage verweigert, ob die Ostdeutschen nicht auch mehr Geduld mit den Westdeutschen haben müßten.“

In der Tat konnte ich mit dieser Frage spontan wenig anfangen. Es sei denn, ich hätte lapidar ja gesagt. Miteinander Geduld haben – das gilt wohl immer. Indes ist der Faden längst gerissen. Wer nimmt ihn auf und knotet ihn neu? Ich finde es jedenfalls schade, daß der Moderator die Gelegenheit nicht genutzt hat, den Zuhörern vor laufenden Kameras darzustellen, wie wir übereinander denken und wie tief die Kommunikationsrisse sind. Ich jedenfalls habe Herrn Teske direkt geantwortet und hätte es auch vor laufender Kamera gesagt: „Und wir bedanken uns sehr dafür, wie Sie in unseren Mauerstaat aus der großen weiten Welt zu uns kommen, damit Sie einem Mann, der hier in schwieriger Situation Rückgrat gezeigt hat, zeigen, daß er nichts ist.“