Als Otto Julius Bierbaum im April 1902 mit seiner Braut und dem Fahrer Louis Riegel zu einer dreimonatigen Hochzeitsreise im Automobil, einem Adler-Phaeton mit acht PS, einem Zylinder und modernen „Pneumatiks“ ausgestattet, von Berlin über Prag und Wien nach Italien aufbrach, konnte er sich noch mit Fug und Recht als Pionier und Entdecker fühlen. In Italien erreichte die kleine Reisegruppe Ortschaften, deren Einwohner niemals zuvor eine benzina gesehen hatten.

„Je weiter wir nach Süden kommen“, notierte Bierbaum, „mit desto größerer Lebhaftigkeit werden wir begrüßt.“ In Aversa vor Neapel sah sich Bierbaum genötigt, sein rotes Cabriolet mit der Peitsche vor den johlenden Straßenjungen zu schützen, und bat den Himmel um Beistand: „Um Gottes willen hier keine Zündungsmucken!“

Die Briefe an Freunde, in denen die einzelnen Etappen der Rundreise geschildert waren, erschienen 1903 zum ersten Mal als „erstes deutsches Automobilreisebuch“. Der Schriftsteller Bierbaum, seit seiner Heirat mit einer gebürtigen Toskanerin mit Italien- und Goethestudien beschäftigt, verstand sich natürlich nicht als wagemutiger Automobiltester oder Reisejournalist. Seine „empfindsame Reise“ folgte dem klassischen giro deutscher Bildungsbürger des ausgehenden 18. Jahrhunderts: Venedig und Rimini, Neapel und Rom, Florenz, Siena und Mailand hießen die Stationen, Ausflüge nach Capri und Amalfi rundeten die Route ab.

Ganz im Stil des „sentimentalen“ Reisenden gab sich Bierbaum „offen für alles, was auf die Empfindung wirkt“ – und überraschte die Leser zwischen detaillierten und witzigen Betrachtungen zur Kunst, Architektur und Landeskunde immer wieder mit ironisch stilisierter Zeitkritik, die sich bis zur scharfen Absage an Erscheinungen der wachsenden Fremdenverkehrsindustrie steigerte: Thomas Cook und die Eisenbahn, auf diese zwei Stichworte reduzierte Bierbaum den Übelstand des Massentourismus, der als eine „Kulturwalze“ die Verschiedenheiten der Länder einzuebnen drohe.

Hast und schnelles Erleben kennzeichneten bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts das Reiseprogramm der Touristen. Im Automobil aber sah Bierbaum die Chance des modernen Menschen, wieder aufgeschlossen und „empfindsam“ reisen zu können. „Wir wollen“, erklärte Bierbaum zu Beginn seiner Fahrt, „mit dem modernsten aller Fahrzeuge auf altmodische Weise reisen, und eben das wird das Neue an unserer Reise sein.“

Es gab einmal eine Zeit, eine sehr kurze Zeit, in der der Mensch etwas mit dem Automobil anfangen konnte. Aus jenen Tagen stammt Otto Julius Bierbaums Reisebericht. Volker Pohl

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