Wenn Sally und Joe reisen, staunen sie sehr. Und oft. Wundern tun sie sich nicht, die beiden Pinguine, weil die Welt schließlich groß ist und immer voller Überraschungen, In Ägypten beispielsweise waren sie, wie das Photo beweist, haben Gizeh kennengelernt und die Wüste. Und ein Kamel fraß Joe gar Gras vom Kopf. Warum sollten sie sich also überrascht zeigen, sie hatten mit nichts anderem gerechnet als mit Dingen, von denen sie zu Hause höchstens flüchtig gehört hatten.

Vielleicht fanden sie vieles komisch, seltsam und unbekannt. Fremde Länder, fremde Sitten – na und? So mögen sie gedacht haben, als sie sich auf den Weg machten. Sally und Joe in der Wüste? Anrührend und großartig fehl am Platze.

Glücklicherweise wurden sie dabei von Willy Puchner beobachtet, von ihrem Freund und Begleiter. Joe ist übrigens – typisch – daran zu erkennen, daß er fünf Zentimeter größer ist als Sally mit ihren – wie es sich für eine Touristin geziemt – rotlackierten Zehennägeln. Zur Orientierung: Joe läßt meist einen Photoapparat vor seiner Brust baumeln. Wie im richtigen Leben. Männer lichten ab, was das Zeug hält. Und die Frauen gucken zu.

Nachzulesen ist die Geschichte von Sally und Joe in dem Bilderbuch „Die Sehnsucht der Pinguine“. Der österreichische Photograph Willy Puchner zog mit seiner Sehnsucht und seinen beiden Helden um die Welt, „ewig verbunden, ewig verloren“, zeigte ihnen Paris, London, Thailand, Wien, Misterbach oder Madonna di Campiglio.

Die Photos belegen, was schon in der Bibel steht: „So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe.“ Sie scheinen beide nicht abenteuerlustig, im Gegenteil, eher interessiert an unvertrauten Gegenden, an Kulissen, die ihre Zweisamkeit schmücken können. Verliebt gucken sich Sally und Joe in London an, stehen beieinander, als ob sie wüßten: „Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen.“ So bekommt selbst die löchrige Mauer in Berlin ihren ganz heimeligen Reiz.

Anders gesagt: Das Buch – samt ausführlichem Reiseprotokoll am Ende der gut achtzig Farbseiten – ist der Beweis, daß selbst Pinguine aus Polyesterharz eine Seele haben. Anders formuliert für Leute, die Märchen nicht verstehen, also erst einmal auf ihre weltliche Plausibilität hin untersuchen: Die Reise- und Liebesgeschichte von Sally und Joe ist metaphorisch gemeint, sie sind die Helden des geschmähten Massentourismus. Sind neugierig, wunderlich, manchmal verliebt, gelegentlich spröde, jedenfalls immer mit so etwas wie Sehnsucht in den Herzen, daß es auch anderswo friedlich zugehen möge. Leute wie wir eben.

Am möglichen, aber unwahrscheinlichen Ende der Reise fragt sich Puchner, wo er Sally und Joe lassen soll: „Ich könnte sie in die Antarktis bringen und dort stehenlassen. Ein Freund von Greenpeace hat mir von einer Aussichtsterrasse erzählt, wo bereits die ersten Touristen Pinguine betrachten. Ich wollte Joe und Sally auf dieser Terrasse montieren. Es wäre ein schönes Bild gewesen: die weitgereisten Pinguine zu Hause, als Spiegelbild für die Touristen, die sich – als Betrachter der Pinguine – selbst betrachtet hätten.“