Von Hubert Winkels

Es gibt Konstellationen, in denen es um Sex geht und die Beteiligten nichts anderes tun als sprechen und hören. Sie sehen sich nicht, sie fassen sich nicht an, die Kommunikation läuft einzig über die Stimme, lateinisch: vox. Die bekannteste derartige Einrichtung ist die Ohrenbeichte. Ihr psychohistorischen Nachfolger ist die psychoanalytische Sitzung. Eine dritte Konstellation ist neueren Datums: der Telephonsex. Zwar ist der maschinelle Fernsprecher gut hundert Jahre alt, aber die stabile Verbindung mit Sex ist noch jung. Wie seine bekennenden Vorgänger verlangt auch der Telephonist nach jener fremden Instanz, die das Verbotene und Verborgene hören will. Zugleich jedoch wird jener anonyme Andere, der einst als Über-Ich und Richter funktionierte, dem eigenen Begehren unterworfen, wird entmachtet und intim vereinnahmt. Wenn man so will, auch eine Form der sexuellen Demokratisierung.

Telephonsex ist ein Ausweg aus der Berührungsnot im Zeitalter von Aids. Technische Medien übertragen keine (Körper-)Viren. Und so ist "Vox" nicht nur ein Roman über Telephonsex, sondern über die Möglichkeit der Körperdistanzierung mittels Medien ganz allgemein. Allein schon deshalb ist er wichtig. Wie gelungen auch immer, zeigt er einen Wandel der Sexualität im elektronischen Zeitalter an.

Nicholson Bakers Buch ist die Wiedergabe eines langen nächtlichen Telephongesprächs, in das der Erzähler lediglich durch knapp gesetzte "sagte er" oder "sagte sie" hineinregiert. Ansonsten wörtliche Rede im Dienste wechselseitiger Erregung. Jim und Abby, er von der Westküste, sie aus dem Osten der USA, haben sich durch einen erotischen Kontaktservice kennengelernt und sich nach kurzem Abtasten in der Öffentlichkeit eines Telephonpools in ein "elektronisches Hinterzimmer" zurückgezogen. Hier sind sie ungestört, erzählen und bekennen munter vor sich hin: Wie sie dasitzen und was sie druntertragen, Form und Verfassung der Geschlechtswerkzeuge, erotische Phantasien, erlebte und erfundene Geschichten, und weil die beiden einfühlsame Partner sind, beziehen sie sich gegenseitig ein. Jim nutzt Abby als Figur in seinen Stories, sie gibt bevorzugt preis, was er zu hören wünscht – bis es beiden kommt. Wie sonst? Die Dramaturgie ist schlagend einfach, wie Sex im richtigen Leben eben, der bei allem erregten Mäandrieren im Höhepunkt Erlösung sucht und sich verflüchtigt. Spannungsabfall; Ende des Telephonats und des Romans.

Von Anfang an irritiert die unglaubwürdige Harmonie der beiden Figuren. Ihr nächtliches Sprechverhältnis ist durch keine Fremdheit getrübt. Jim und Abby senden auf derselben Wellenlänge. Ihre Sprache und ihr Witz, ihre Bildung und ihre Erfahrungen passen zusammen wie Topf und Deckel. Sie sind von Tabus entlastete, sexuell emanzipierte Zeitgenossen, die, was sie tun, bis hin zur Telephonrechnung ordentlich in ihren Alltag eingebaut haben und spielerisch und schelmisch und empfindsam mit den Schweinereien der Sexualität umgehen.

Schwer zu entscheiden, ob das ästhetische Raffinement noch für oder schon gegen die Geilheit arbeitet. Zum Beispiel dort, wo die Höhepunkte eines Pornovideos, in dem es eine Frau mit zwei Männern treibt, überlagert werden durch die nuancenverliebte Schilderung der Armmuskulatur der Frau, die vor dem Video masturbiert. Die feinen Unterschiede in der Rede dominieren völlig Gemeinheit und Gewalt der Bilder. Bei allen geliehenen Direktheiten des Ausdrucks bleiben die Redefiguren (und die Sprecher) sauber, weil subtil, komplex und originell. "Vox" wahrt zu jedem Zeitpunkt die Distanz "hoher" Literatur zur "niedrigen" Sexualität. Das führt gelegentlich zur Langeweile, fast unverzeihlich bei dem Thema.

Doch das verdeckte Ästhetische und Spielerische ist von besonderer Qualität und bildet nach und nach ein eigenes Thema aus. Zwar ist ständig von sexualisierten und hocherregten Körpern die Rede, doch sind die intimen und direkten Berührungen fast immer doppelt distanziert. Nicht nur, daß ein Gespräch am Telephon den Körperkontakt naturgemäß nur in der Phantasie erlaubt, auch die Reden von Jim und Abby drücken sich auffällig um den direkten Geschlechtsakt herum.