Von Roland Knauer

Das deutsche Tierschutzgesetz soll demnächst novelliert werden. Mit Sorge verfolgen Forscher an den Universitäten, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und in der Max-Planck-Gesellschaft, daß es dabei auch noch weiter verschärft wird. Die jahrelange Auseinandersetzung um Tierversuche entspannt sich nicht, sie spitzt sich eher zu. Während sich die Mehrheit der Tierschützer um einen ernsthaften Dialog bemüht, vergiftet eine aggressive Minderheit mit Brandanschlägen oder Einbrüchen, gezielten Einschüchterungsversuchen bis hin zu Morddrohungen die Atmosphäre. Die Gegner der Gesetzesnovelle ziehen mit ihren öffentlichen Äußerungen die Aggressionen so sehr auf sich, daß es inzwischen die meisten von ihnen ablehnen, noch mit Namen genannt zu werden.

Über die Neufassung des sechs Jahre alten Tierschutzgesetzes beraten zur Zeit Ausschüsse des Deutschen Bundesrates. Neben dem Land Baden-Württemberg haben sowohl die SPD-Bundestagsfraktion als auch der Deutsche Tierschutzbund und die Tierhilfe-Stiftung eigene Novellierungsvorschläge formuliert. Alle vier Initiativen wollen das vorhandene Gesetz an einigen Stellen ergänzen oder geringfügig ändern. Für den Laien handelt es sich auf den ersten Blick fast durchweg um wünschenswerte Veränderungen.

Doch international angesehene Wissenschaftler, vor allem Biologen und Physiologen, sehen darin teilweise gravierende Hemmnisse für die Grundlagenforschung. So möchte beispielsweise der Agrarausschuß des Bundesrates schon dann eine Genehmigungspflicht einführen, wenn Tiere mit der Absicht getötet werden, anschließend bestimmte Organe für Experimente zu entnehmen. Bei einer Realisierung dieses Vorschlages werde der bürokratische Aufwand enorm steigen, prophezeien die Kritiker.

Sie halten diese Initiative auch deshalb für problematisch, weil sich das Gesetz, wie sie meinen, in bestimmten Fällen leicht umgehen läßt. Oft haben Schlachthöfe für die zur Forschung benötigten Organe gar keine Verwendung und geben sie gerne ab. Allerdings beginnen mit dem Tod Zersetzungsprozesse, die das Gewebe für Experimente rasch unbrauchbar machen. Nach Auffassung der Wissenschaftler wird mit ungleichen Ellen gemessen: Was Fleischer, Jäger oder Angler dürfen, nämlich Tiere töten, müssen Forscher sich über einen umfangreichen Antrag genehmigen lassen.

Dabei regelt bereits das bisherige Gesetz strikt, wer überhaupt Experimente an Wirbeltieren durchführen darf: Ausschließlich Ärzte, Tierärzte und Zoologen gehören hierzulande zu dieser Gruppe. Das Beispiel der Neurobiologie verdeutlicht, wie problematisch eine solche Beschränkung ist. Während im Ausland auch Psychologen, Informatiker, Physiker und Biochemiker versuchen, die Funktionsprinzipien von Hirn und Nerven zu verstehen, wird die sonst so oft geforderte Vernetzung der verschiedenen Disziplinen in diesem Bereich vom deutschen Gesetzgeber verhindert. Der Deutsche Tierschutzbund möchte in der Novelle auch noch den Zoologen die Fähigkeit zum Tierexperiment absprechen.

Damit Experimente und Produktionsverfahren nicht ins Ausland verlagert werden können, möchte der Agrarausschuß des Bundesrates die Einfuhr tierischer Produkte auch verbieten, wenn sie aus Staaten mit laxeren Tierschutzgesetzen kommen. In der Praxis bedeutet dies zum Beispiel ein Importverbot von vielen Impfstoffen, Blutkonserven und wichtigen Grundsubstanzen wie etwa Antikörpern oder Diagnostika aus nahezu allen Ländern der Welt. Viele dieser Stoffe werden aufgrund der internationalen Arbeitsteilung in Deutschland gar nicht mehr hergestellt. Nicht nur für die Grundlagenforschung, sondern auch für die medizinische Versorgung sind sie häufig unentbehrlich.