Willy Brandt war niemals nur Politiker, sondern immer auch Publizist. Sein letztes großes Buch, die Erinnerungen (Propyläen, Berlin 1989; 512 S., 48,–DM), noch vor dem Fall der Mauer, aber bereits im Bewußtsein eines Epochenwandels geschrieben, liegt jetzt in einer um ein aktuelles Vorwort erweiterten Taschenbuchausgabe vor (Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1992; 524 S., 19,80 DM). Diesem die einzelnen Stationen des politischen Lebens bilanzierenden Erinnerungswerk ist eine autobiographische Studie über die Jahre 1930 bis 1950 vorausgegangen, in der Willy Brandt seine im skandinavischen Exil vollzogene Wandlung vom revolutionären Jungsozialisten zum pragmatischen sozialdemokratischen Reformpolitiker beschrieb: Links und frei (Mein Weg 1930-1950; Hoffmann und Campe, Hamburg 1982; 462 S., 39,80 DM; zur Zeit nicht lieferbar). Noch im Jahr seines Rücktritts legte Brandt einen innenpolitischen Rechenschaftsbericht vor: Über den Tag hinaus (Hoffmann und Campe, Hamburg 1974; 512 S., 34,– DM), der wegen der darin enthaltenen Tagebuchnotizen über die letzten Tage seiner Kanzlerschaft für einige Furore sorgte. Zwei Jahre später erschienen seine Begegnungen und Einsichten (Die Jahre 1960-1975; Hoffmann und Campe, Hamburg 1976; 655 S., 36,– DM), die sich vor allem mit der Außenpolitik beschäftigten. Auf den Zusammenhang zwischen Ost-West- und Nord-Süd-Konflikt, zwischen Überrüstung und Unterentwicklung machte Brandt in seinem Buch Der organisierte Wahnsinn (Wettrüsten und Welthunger; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1985; 234 S., 34,– DM) aufmerksam. Er schrieb damit den Bericht fort, den er an der Spitze der Nord-Süd-Kommission 1977 hatte ausarbeiten lassen: Das Überleben sichern: Der Brandt-Report (Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1981; 379 S., 9,80 DM). Die Deutschland-Reden Willy Brandts vom 1. September 1989 bis zum 18. März 1990, dem Tag der Volkskammerwahlen in der DDR, sind zusammengestellt in dem Band„... was zusammengehört“ (J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 1990; 160 S., 12,80 DM).

Lesenswert ist auch Carola Sterns einfühlsame, wenngleich nicht unkritische Skizze: Willy Brandt (Selbstzeugnisse und Bilddokumente; Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988; 158 S., 10,80 DM). Die bislang umfangreichste Biographie stammt aus der Feder Peter Kochs: Willy Brandt (Ullstein, Berlin 1988; 512 S., 48,– DM; Taschenbuchausgabe: Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 1989; 618 S., 12,80 DM).

Im Frühjahr 1982, als wieder ein Machtwechsel in der Luft lag, erschien Arnulf Barings Buch über die Ära Brandt/Scheel: Machtwechsel (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982; 832 S., 42,– DM) – ein Werk, das vor allem durch die ungeschminkte Darstellung der sozialdemokratischen Troika Brandt, Schmidt und Wehner Aufsehen erregte. Über die Exiljahre in Norwegen informiert zuverlässig Einhart Lorenz: Willy Brandt in Norwegen (Die Jahre des Exils 1933 bis 1940; Neuer Malik Verlag, Kiel 1989; 377 S., 39,80 DM). Beiträge eines Symposiums zu Brandts 75. Geburtstag versammelt eine von Helga Grebing, Peter Brandt und Ulrich Schulze-Marmeling herausgegebene Festschrift: Sozialismus in Europa (Klartext Verlag, Essen 1989; 301 S., 34,–DM). Über das Persönliche und Private, das in Willy Brandts eigenen Büchern weitgehend ausgespart bleibt, erfährt man jetzt viel in den Erinnerungen seiner langjährigen Frau Rat Brandt: Freundesland (Hoffmann und Campe, Hamburg 1992; 304 S., 35,– DM). V.U.