Von Günter Wermusch

Nun ist es heraus. Zum erstenmal hat Rußland die Existenz von Geheimlagern mit deutscher Beutekunst auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR offiziell eingeräumt. Rußlands Kultusminister Jewgenij Sidorow gab am 3. Oktober vor der Presse bekannt, die Beutebestände würden nunmehr „legalisiert“ und ausgestellt. Es werde allerdings noch Jahre dauern, bis man die Rückgabemodalitäten mit Deutschland ausgehandelt habe. Sidorow hatte schon im August dieses Jahres verlauten lassen, die Deutschen könnten als Kompensation für das, was die russischen Museen noch vermissen, beim Wiederaufbau der Schlösser vor St. Petersburg helfen.

Zwei Jahre ist es her, seit sich Deutschland und die ehemalige UdSSR in dem „Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit“ darin einig wurden, daß „verschollene oder unrechtmäßig verbrachte Kunstschätze, die sich auf ihrem Territorium befinden, an den Eigentümer oder dessen Rechtsnachfolger“ zurückzugeben seien. Noch hatte sich nichts bewegt in dieser Angelegenheit, als sich im März 1991 drei junge russische Kunstwissenschaftler in der internationalen Presse zu Wort meldeten und ein streng gehütetes Staatsgeheimnis preisgaben. Seit über 45 Jahren, so erklärten Alexej Rastorgujew, Grigorij Koslow und Konstantin Akinscha, befindet sich in mehr als einem Dutzend Geheimdepots bei Museen und Behörden der Sowjetunion eine kaum überschaubare Menge von Kunstschätzen – Beutegut der sowjetischen „Trophäenkommission“ aus Deutschland. Dabei handelt es sich um den Rest von etwa zwei Millionen Museumsobjekten, von denen die Sowjets in den Jahren von 1955 bis 1958 rund drei Viertel zurückgegeben hatten.

Unter den noch nicht zurückerstatteten Kunstwerken befinden sich auch der legendäre Schatz des Priamos, den Heinrich Schliemann 1873 in Troja ausgegraben hatte, und zirka 150 Gemälde der Berliner Nationalgalerie (zum Beispiel Menzels „Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci“ oder Caspar David Friedrichs „Klosterfriedhof im Schnee“) sowie eine Unmenge kostbarer Stücke aus Potsdam, Gotha, Dresden und anderen öffentlichen und privaten Sammlungen.

Bis zum Ende der UdSSR im Dezember 1991 herrschte ein unerklärter Krieg zwischen den drei Rebellen, um die sich bald weitere verantwortungsbewußte Kunstwissenschaftler wie Sawelij Jamstschikow oder Professor Gerald Wsdornow scharten, und der Nomenklatura. Letztere, vertreten unter anderem durch UdSSR-Kultusminister Nikolai Gubenko, dessen Stellvertreter Genrich Popow und die Direktorin des Moskauer Puschkinmuseums, Professor Irina Antonowa, waren nicht einverstanden mit den deutsch-russischen Rückgabevereinbarungen. Daß die Schätze seit fast einem halben Jahrhundert ihrem eigentlichen Zweck, die Menschen zu erbauen, entzogen waren und unter oft unzureichenden Lagerbedingungen vor sich hin gammelten, interessierte nicht. Etliche tausend Museumsstücke, so Rastorgujew, mußten inzwischen „ausgebucht“, also verbrannt werden, weil sie unrettbar verkommen waren. Die Exmajorin der „Trophäenkommission“, Antonowa, hatte noch im Juli 1991 dem Berliner Schliemann-Experten Professor Armin Jähne auf die vorsichtige Frage nach dem weiteren Schicksal des Priamos-Schatzes kurz und bündig geantwortet: „Wir haben den Krieg nicht angefangen.“

Im Herbst 1991, schon angesichts der Auflösung der UdSSR, meldete sich Minister Gubenko lauthals zu Wort: Zum einen hätten die Väter die Kriegstrophäen mit ihrem Blut bezahlt. Zum anderen bezifferten sich die Verluste, die deutsche Truppen in der sowjetischen Kulturlandschaft angerichtet hätten, auf 1,2 Billionen Dollar. Das müsse erst einmal beglichen werden. Offiziellen sowjetischen Angaben von 1946 zufolge belief sich indes der Gesamtschaden, den Deutschland in der UdSSR angerichtet hatte, auf 128 Milliarden Dollar. Selbst wenn man einen zwanzigfachen Preisanstieg seit dieser Zeit unterstellte, fände sich für Gubenkos Zahlen kein Platz, ganz abgesehen von den nun langsam durchsickernden Informationen, daß viele den Deutschen angelastete Zerstörungen und Vernichtungen von Kulturgut (speziell von Büchern und Archivmaterial, aber auch Zerstörungen von historischen Gebäuden) auf Weisungen der Sowjetbehörden zurückgehen.

Im Oktober 1991, also nachdem er bereits seine Mega-Zahlen in Umlauf gebracht hatte, verkündete Gubenko, man werde nun daran gehen, die Verluste zu erfassen. Dieser Arbeit hatte sich inzwischen der von seinem Posten als Mitarbeiter der Abteilung „Privatsammlungen“ des Puschkinmuseums entlassene Grigorij Koslow angenommen. In akribischer Arbeit, „die alle von den Sowjetbehörden in den dreißiger Jahren an das westliche Ausland verkauften Museumsschätze ausschließt“, kam der nunmehrige Privatforscher auf rund 200 000 Museumsstücke, die unter deutscher Besatzung verschwunden und nicht wieder zurückgekehrt sein sollten. Diese Zahl nannte Koslow auf einer vom Senat und von der Universität Bremen veranstalteten Konferenz zum Thema „Verbleib der im Zweiten Weltkrieg aus der UdSSR verlagerten Kunstgüter“ Ende 1991.