Mit dem Volk zu reden wird immer schwieriger. Das merkten Anfang der Woche auch ein paar Bundestagsabgeordnete, die sich auf Einladung einer Lokalzeitung dem Souverän stellten, allen voran Rita Süssmuth, ihre Präsidentin.

Ort der Handlung: Bonn. Böse Zungen behaupten zwar beharrlich, in der ehemaligen Bundeshauptstadt gäbe es gar kein Volk. Nur die Käseglocke. Darunter, so geht die Mär in Deutschland, weiß keiner, was wirklich los ist im Lande. (Und im Land ist was los!) Aber das ist ein Vorurteil. Oder?

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Als sie sich mit dem kleinen Häuflein der Volksvertreter trafen, bemühten die anwesenden Bonner sich redlich, der ungerechten Nachrede gerecht zu werden. Andere mögen sich um den Osten sorgen, um Demokratie und Menschenwürde in Deutschland, sie mögen Angst vor Ausländern und erst recht vor Europa haben oder Probleme auf dem Arbeitsmarkt – hier denken alle nur an das eine: die Berlin-Entscheidung des Bundestags.

So auch an diesem Abend beim General-Anzeiger: Die berüchtigte Bonner Donnerstags-Demo vom Marktplatz fand quasi im Saale statt. Das Thema hieß zwar: "Politik in der Kritik." Kritisiert wurde aber in erster Linie die "Berlin-Fraktion". Applaus erhielt, wer von sich sagen konnte, er habe für Bonn "gekämpft". Da hatte der Sozialdemokrat Peter Conradi, "Berliner" aus Stuttgart, naturgemäß einen schweren Stand. Aber auch die Präsidentin, sosehr sie sich für Bonn bemüht hat, erregte den Bürgerzorn, weil sie sich der Berlin-Mehrheit fügt.

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Ehre, wem Ehre gebührt: Der Christdemokrat Friedbert Pflüger, "Bonner" aus Hannover, hätte es sich mit ein bißchen Selbstverleugnung leichtmachen können, doch ihm platzte der Kragen über die Giftigkeit derer, die ihre Politikverdrossenheit mit dem Berlin-Votum begründeten. Er habe als Politiker ein Recht darauf, wetterte der CDU-Jungpolitiker, sich nicht dauernd mit "Beschimpfungen, Stammtischgerede und Pauschalurteilen" auseinandersetzen zu müssen.