NEW YORK. – Die Opfer der russischen Wirtschaftsmisere sind in erster Linie die Frauen. Ihre Verarmung könnte zum größten und brennendsten Problem des neuen Staates werden. Allein in Moskau sind siebzig Prozent der Arbeitslosen Frauen im Alter zwischen 45 und 55 Jahren. Als ich mich in diesem Sommer in einem der kürzlich eingerichteten Moskauer Arbeitsämter umsah, schilderten mir Schlange stehende Russinnen, wie sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden.

Einige hatte man entlassen, weil sie – obwohl erst in den Vierzigern – zu alt seien. Anderen hatte man gesagt, als Mütter seien sie unzuverlässige Arbeitskräfte.

Die wirtschaftliche Not der Frauen prägt auch das Straßenbild Moskaus. Ältere Frauen und junge Mütter verkaufen an den improvisierten Verkaufsständen. Zwar bestehen in Rußland noch immer Gesetze gegen die Diskriminierung, doch niemand wendet sie mehr an. In Stellenausschreibungen werden regelmäßig Männer oder jüngere Frauen bevorzugt.

Alisa, eine neugegründete Maklerfirma, suchte Frauen im Alter zwischen 18 und 21 Jahren für Sekretariatsarbeiten. Die Bewerberinnen, hieß es in der Anzeige, sollten im Minirock zum Einstellungsgespräch erscheinen. Und eine Werbeagentur wollte Photos der Bewerberinnen, vorzugsweise im Bikini, um festzustellen, ob sie „insgesamt überdurchschnittlich attraktiv“ und daher für die Tätigkeit als Empfangsdame geeignet waren.

Zur Zeit debattiert das Parlament über ein wahrscheinlich noch im Herbst in Kraft tretendes Gesetz, das Müttern von Kindern unter vierzehn nur noch erlauben soll, eine begrenzte Stundenzahl pro Woche zu arbeiten. Die besten Arbeitsplätze bleiben ihnen dadurch versperrt, zumal das Parlament und einige Stadtregierungen auch noch das einst gut funktionierende sowjetische System der Kinderbetreuung demontieren. Der Moskauer Stadtrat schlägt vor, innerhalb der nächsten zwei Jahre etwa ein Drittel der Kindertagesstätten der Hauptstadt zu schließen. Während russische Politiker stur behaupten, Frauen hätten darunter gelitten, Ganztagsarbeit und Haushalt unter einen Hut zu bekommen, zeigt eine aktuelle Umfrage, daß nur zwanzig Prozent der russischen Frauen zu Hause bleiben möchten.

Welche Möglichkeit eine Frau auch immer bevorzugt – Millionen russischer Familien werden angesichts der wachsenden Inflation nicht ohne ein zweites Einkommen überleben können. 1992 trug das Gehalt der Frauen vierzig Prozent zum Familieneinkommen bei. Gar jede fünfte Russin ernährte ihre Familie allein.

Kein Wunder, daß die russischen Frauer. Selbsthilfegruppen gründen. In mancherlei Hinsicht erinnert ihr Kampf an die amerikanische Frauenbewegung Ende der sechziger Jahre. Doch die desolate Wirtschaftslage Rußlands ist ungleich verzweifelter. Dabei sollten und müßten gerade die Frauen an der Schaffung des neuen Rußlands mitwirken. Denn es ist richtig, was meine Freundin Anastasia immer wieder sagt: „Demokratie ohne Frauen ist keine Demokratie.“