BERLIN. – „Bis jetzt habe ich noch jeden erkannt“, sagt Stasi-Oberleutnant a.D. Jörg Seidel am Telephon. Dann geht unser Treffen beinahe doch noch schief: Das Bistro, unser „neutraler“ Treffpunkt, hat geschlossen, und der ehemalige Offizier, Mitbegründer des „Insiderkomitees zur Aufarbeitung der Geschichte des MfS“, kommt zu spät. Der Geheimdienstmann ist Anfang Dreißig, wirkt zehn Jahre älter und stammt aus Sachsen. Von dort kamen nicht nur die schönsten Frauen und treuesten DDR-Funktionäre, sondern auch die meisten Mitarbeiter von „Horch und Guck“. „Und auch aus Thüringen“, fügt Seidel eifrig hinzu, „man müßte das mal wissenschaftlich untersuchen; vielleicht liegt es an der Mentalität – auch auf der Uni waren die Intelligentesten aus dem Süden.“

Doch dafür hat er vorläufig keine Zeit. Er will das Image des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aufpolieren. Das habe zu Unrecht gelitten, glauben er, sein ehemaliger Oberst, ein Oberstleutnant und ein Hauptmann. Darum scharen die vier Männer Gleichgesinnte um sich und haben beim Amtsgericht von Berlin-Charlottenburg die Eintragung ihres Insiderkomitees ins Vereinsregister beantragt. Zwölf haben die Vereinsgründung unterschrieben, zwanzig weitere, vom Ministerstellvertreter bis zum IM, gehören zum engeren Kreis, wollen aber im dunkeln bleiben. Denn in der Öffentlichkeit bläst ihnen der Wind kräftig ins Gesicht. Der Verein findet nicht viel Gegenliebe. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die „deutsche Nachkriegsgeschichte durch Insiderwissen aus der Arbeit des ehemaligen MfS“ zu analysieren. Kritiker vermuten, daß wieder einmal Spuren verwischt werden sollen. „Nein, nein“, Seidel wehrt erschrocken ab. „Das Gegenteil ist richtig. Wir wollen, daß alles an die Öffentlichkeit kommt und endlich gerecht beurteilt wird. Und wenn wirklich Verbrechen geschehen sind – Mord oder Folterungen“, er will das nicht völlig ausschließen –, „distanzieren wir uns natürlich ganz energisch von diesen Leuten. Nur ist es eben nicht Aufgabe unseres Komitees, dies im Fall eines Falles zu verfolgen und anzuzeigen. Wir arbeiten der Bonner Justiz nicht in die Hände.“

Der „schonungslosen Aufarbeitung der Vergangenheit“ stehen noch weitere Einschränkungen im Weg: Die Namen von Mitarbeitern und IMs werden nicht herausgegeben, natürlich erst recht nicht die von jenen „Kundschaftern des Friedens“, die in Bonner Ministerien spionierten, „um die DDR vor den Aggressionen des Klassenfeindes zu schützen“.

Das Wort „Stasi“ läßt Seidel zusammenzucken. Stolz schwingt in seiner Stimme, wenn er davon spricht, er habe bis Ende 89 bei der Spionageabwehr des MfS gegen die CIA gekämpft. Und wenn man sich müht, entdeckt man die vom Komitee beschworene „Selbstkritik“ in der Einschätzung: „Vielleicht war unser Fehler, daß wir Leute aus Oppositionskreisen als Agenten eingestuft haben, nur weil sie Kontakt zur USA-Botschaft hatten und dadurch in unser Blickfeld gerieten. Aber“, sagt er und fühlt sich geradezu als Widerstandskämpfer, „im MfS wurde immer über die überzogenen Aktivitäten gegen die Opposition diskutiert. Durch die falsche Sicherheitspolitik fehlten uns an den wirklich entscheidenden Stellen Mittel und Material.“

Daß durch die Stasi Menschenschicksale vernichtet wurden, scheint ihnen wohl nicht wichtig. Denn „ohnehin wüßten doch die wenigsten etwas von der Arbeit des MfS. Wer hat denn schon wirklich mit uns zu tun gehabt!“ Darum wollen Seidel und das Komitee auch nichts von „Opfern“ wissen. Das waren „Betroffene“, denen es letztlich auch an der Möglichkeit mangele, „das Geschehen realistisch einzuschätzen und in das historische Umfeld mit den realen Ort-Zeit-Bedingungen einzuordnen.“

Die Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz, für die das Komitee kein Objekt der Beobachtung ist, „aber auf das man schon mal ein Auge hat“, lautet: „Die Erklärungen nähren den Verdacht, daß die tatsächlichen Ziele verschleiert werden sollen. Diese sind höchstwahrscheinlich: die Enttarnung von Agenten zu verhindern und somit Teil der Kampagne von PDS, DKP und anderen kommunistischen Organisationen zur Verklärung der DDR-Vergangenheit und Teil ihrer Offensive gegen den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat.“

Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin hält das Insiderkomitee für eine Ausgeburt reinster Heuchelei: „Vielleicht haben einige von denen die Illusion, etwas zur Aufarbeitung der Geschichte beizutragen. Aber in der Realität ist das ein reiner Propagandaverein, der sogar noch jene Leute mit dem alten ‚Ehrenkodex‘ der Stasi bedroht, die wirklich die Vergangenheit aufarbeiten wollen. Ehrlicher wäre es, wenn die Stasi einen beruflichen Interessenverein gründen würde, der die Rechte der ehemaligen Mitarbeiter einklagt und offiziell eine Aufklärung der Vergangenheit verweigert. Ich würde so einen Verein ablehnen, aber er hätte wenigstens einen Sinn.“