Von Hansjakob Stehle

Triumph-Fanfaren erklangen nicht. Weder die umstrittene 500-Jahr-Feier der "Entdeckung" Amerikas noch das dreißigjährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils hat den Missionseifer des römischen Papstes überschäumen lassen. Seine abgekürzte Reise nach Santo Domingo war überschattet von der Krise einer Weltkirche, ihrer unbewältigten Vergangenheit und Gegenwart. Ein blinder dominikanischer Präsident an der Hand eines von lebensgefährlicher Krankheit noch gezeichneten Pontifex – das dämpfte auch die Begeisterung gläubiger Massen auf den von der Polizei "gesäuberten" Straßen des Elends und hinter dem skandalös teuren "Leuchtturm des Kolumbus". Dreißig Millionen Dollar soll er gekostet haben.

"Unmenschliche und ungerechte Armut muß ausgemerzt werden ... Die Gerechtigkeit kann nicht länger warten, ganze Völker dürfen nicht auch noch von unerträglicher Auslandsverschuldung erstickt und durch Verschwendung enormer Mittel für Rüstung beleidigt werden", rief Johannes Paul II. und überging vierzig Zeilen eines vorbereiteten Redetextes, weil sie als Verbeugung vor den spanischen Kolonisatoren verstanden werden konnten. Hat der Papst aber nicht auch, wie einige Medien vorschnell berichteten, "die Befreiungstheologie verurteilt" und "gegen jede Art der Geburtenkontrolle" gewettert?

Wer genauer hinhörte oder nachlas, gewann einen anderen Eindruck. "Laßt euch nicht täuschen von der Idee, wonach alles schon gelöst wird durch die Anklage der Übel, die den sozialen Fortschritt verhindern, oder durch den edlen (!) Willen, das Los der Entrechteten zu teilen", sagte der Papst. Vor der lateinamerikanischen Bischofskonferenz unterstützte er deren "vorrangige Option für die Armen"; sie bedeutet für ihn eine "echte Praxis der Befreiung", ohne "gewisse Ideologien, die Gott leugnen" und ja gerade in Osteuropa gescheitert seien.

Nur in einem einzigen Satz der 31 Kapitel seiner Ansprache vor den Bischöfen rügte der Papst, es sei "trügerisch und unannehmbar", wenn man als Mittel gegen die geradezu "institutionalisierte" soziale Ungerechtigkeit "eine Verminderung des demographischen Wachstums fördere, ohne sich um die dazu angewandten Mittel zu kümmern". Eine Formulierung, in der sich ebenso Verlegenheit spiegelt wie in der merkwürdigen Dialektik, mit der sich der Papst einem eindeutigen historischen Sündenbekenntnis entzog. Er beklagte zwar die Verletzung der Menschenrechte der "armen Indios", tröstete sich jedoch über Völkermord und Zwangsbekehrung hinweg: Schließlich sei ja "die Evangelisierung selbst zu einer Art Anklagebank für die Verantwortlichen dieser Mißbräuche geworden..."

Im längst "christlichen" Europa durften allerdings auch lange nach Kolumbus’ Zeiten die Landesfürsten die Konfession ihrer Untertanen bestimmen (cuius regio, eius religio), Religionskriege führen und mit päpstlichem Segen Ketzer verbrennen lassen. Theologisch überwand die Kirche das erst, als Johannes XXIII. ihr 1962 ein Reformkonzil verordnete – mutig und arglos. Heute aber, dreißig Jahre später, wird ein Papst in Lateinamerika wie in Europa beschuldigt, er lasse seine Kirche hinter jenes Konzil zurückfallen, das als erstes der Geschichte gegen nichts und niemanden einen Bannstrahl geschleudert hat. Der Vorwurf verkennt die Konzils-"Wende", deren Wirkungen nur deshalb weniger beachtet werden, weil sie schon selbstverständlich sind:

Das Ja zur Religionsfreiheit, zum Respekt vor Anders- und Ungläubigen, zum ökumenischen Dialog; die Liturgie in der Muttersprache, die Aufwertung der Laien, die Mitsprache der Bischöfe in Rom – freilich ohne Mitbestimmung. Nicht überwunden ist nämlich die Spannung zwischen päpstlicher Zentralgewalt und Lokalkirche, römischer Doktrin und pastoraler Praxis, exklusivem Wahrheitsanspruch und Toleranz. Der Konflikt zwischen der Papstkirche und einer säkularisierten Welt hat sich sogar unvermeidlich zugespitzt. Wegweiser wanken – so fest auch ein Papst am Steuer sitzt. Je näher das Ende seines Pontifikats rückt, desto öfter tritt er vor Abgründen, wirklichen wie vermeintlichen, auf die Bremse. Er sucht auf Nebenwege auszuweichen und gerät in Sackgassen. Vor Verzweiflung schützt ihn sein Glaube und wohl auch die Erinnerung an jenen Papst Johannes, den er vor dreißig Jahren gegen die "Unglückspropheten" predigen hörte, die immer so tun, "als nahe der Untergang der Welt". Die dreht sich weiter, auch in einer Kirche. Und mancher, der wie Kolumbus nach Indien fahren will, landet in Amerika...