Die vier Polizeibeamten aus Los Angeles, die den mittlerweile weltberühmten schwarzen Verkehrssünder Rodney King nach einer Verfolgungsjagd halb zu Tode geprügelt hatten und vor einem weißen Geschworenengericht straffrei davonkamen, sollen erneut vor Gericht. Der Freispruch hatte in Los Angeles bekanntlich zum schwersten Aufruhr seit 1965 geführt und ganz Amerika empört; nun kramten Bundesstaatsanwälte ein Uraltgesetz hervor, das einmal ehemalige Sklaven vor Polizeiwillkür schützen sollte. Die Schläger in Uniform müssen jetzt mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen.

Das "Buch zum Prozeß" hat John Gregory Dünne geschrieben. In der Manier eines ausgebufften Polizeireporters hat er für die New York Review of Books am Ort des Geschehens recherchiert und ein Glanzstück "investigativen Journalismus" hingelegt. Der minutiöse Bericht beginnt am Abend des 2. März 1991, als auf den besagten Rodney King eine Schar Polizisten eindrosch wie "Waldarbeiter, die einen Baum fällen wollen"; er endet im April dieses Jahres, als beißender Rauch über L.A. stand und derselbe King in die Kameras stammelte, die Leute sollten aufhören, sich zu massakrieren, und sich endlich vertragen – für Dünne der "wahrscheinlich einzige wahrhaft würdige Augenblick in dieser grauenvollen Woche". Deren Vorgeschichte und Verlauf hat man gesehen; jeder glaubt sie zu kennen. Doch der Autor, ein neugieriger Ostküsten-Linker mit irischer Hartnäckigkeit, hat ein zweites Mal hingeschaut, Augenzeugen ausgequetscht und Quellen studiert. Cool, calm & collected liefert er Personen, Zahlen, Motive und Hintergründe.

Wie in jedem Krimi gibt es in "Faustrecht" den Schurken: Polizeichef Deryl F. Gates. Ohne den April-Aufruhr (mit über vierzig Toten und Millionen Dollar Sachschaden) wäre er wahrscheinlich heute noch in seinem Amt, das er über ein Jahrzehnt nach der Art eines südamerikanischen Caudillo besetzt hielt, ohne daß ihm Bürgermeister Bradley, die bis vor kurzem florierende Geschäftswelt oder die bisweilen aufmüpfige Los Angeles Times etwas anhaben konnten. Auch eine Kommission, geleitet von Anwalt Warren Christopher, der "vielleicht angesehensten Figur des städtischen Establishments", konnte ihn trotz belastender Erkenntnisse nicht zum Rücktritt zwingen. Laut Dünne fühlte sich Gates "quasi als letzte Bastion zum Schutz gegen die zügellose Gesellschaft". Der selbstgefällige Polizeimann befehligte aus seiner Betonburg in einer städtischen Brachlandschaft zwischen Downtown und dem Los Angeles River eine Truppe von 8500 Mann, die zuschlagen kann wie eine High-Tech-Bürgerkriegsarmee. Mit Helikoptern und Hundestaffeln ist das Los Angeles Police Department binnen sieben Minuten an jedem Einsatzort – wenn es will. Dünne übertreibt nicht: Die schießwütigste Truppe Amerikas, zu drei Vierteln weiß, führt in Los Angeles einen gnadenlosen Krieg: WIR gegen SIE. WIR sind die gute weiße Gesellschaft von Beverly Hills oder Orange County, die hinter Elektrozäunen und verspiegelten Scheiben nichts mehr wahrnimmt, und die Mittelschicht aus San Fernando Valley oder Long Beach, die wohl oder übel sehr viel mitkriegt. SIE sind die a-h’s (Arschlöcher), wie der Polizeifunk Schlingel von der Art Rodney Kings und hochgerüstete Gang-Mitglieder gern tituliert. Dünne zeigt, daß die Vielvölkerkapitale nicht länger nach dem "Faustrecht" zu regieren ist. Eine Polizei, die im Großstadtdschungel Vietnam spielt, ist Teil, nicht die Lösung des Problems sozialer Unruhen und Rassengegensätze.

Am 19. April um 15.30 Uhr, eine Viertelstunde nach dem Freispruch von Simi Valley, notierte Warren Christopher in sein Tagebuch: "Urteile unfaßbar, Ausschreitungen abzusehen". Nichts zu sehen war aber von Gates und seiner Polizei, selbst als die Unruhen sich gefährlich in die besseren Gegenden ausbreiteten. Da der Polizeichef L.A. offenbar niederbrennen lassen wollte "wie ein übergeschnappter zweiter Nero", verlor er endlich seinen Job an einen schwarzen Nachfolger. Gates’ Memoiren zeigen keinen Funken Einsicht in die drohende Katastrophe eines Gemeinwesens, dessen Showdown Dünne in lakonischen Schlußsätzen kommentiert hat. Wer noch mehr über die Hintergründe erfahren möchte, sollte zu Mike Davis’ "City of Quartz" (1990) greifen. Auch diese Analyse hätte eine Übersetzung verdient, wie Dünnes gelungener Text, der mit seinem genauen Blick auf die sozialen Probleme moderner Metropolen an die soziologischen Reportagen der Chicago School aus den zwanziger Jahren erinnert.