Tim Robbins glänzte in Robert Altmans "The Player" als ein Hollywood-Macher, der virtuos mit der Macht zu spielen versteht. Er ist, hinter dem sonnigen Äußeren, ein hinterhältiger Kerl, der noch aus jeder Niederlage einen Sieg machen kann, der über Leichen geht und Kellner anschreit, wenn sie ihm das Mineralwasser im falschen Glas servieren. Der Diktator mit dem Kindergesicht macht uns Angst und hat doch, weiß der Kuckuck wie, eine verführerische Faszination.

In seinem Regiedebüt, das spürbar von Altman beeinflußt ist, entwickelt Robbins diese Figur weiter. Bob Roberts kandidiert für den Senatorenposten in Pennsylvanien. Er ist, hinter dem sonnigen Äußeren, ein hinterhältiger Kerl, der noch aus jeder Niederlage einen Sieg machen kann, der über Leichen geht und seine Wahlhelfer anschreit, wenn sie nicht genau das Bild produzieren, das er von sich haben will. Der Diktator mit dem Kindergesicht hat alles Spielerische verloren, sein Aufstieg ist unaufhaltsam, er kommt direkt aus den Abgründen der Seelen jener Menschen, denen er nach dem Munde zu reden versteht.

"Das Leben", sagt Woody Allen in "Husbands and Wives", "macht nicht die Kunst nach, sondern das schlechte Fernsehen." In "Bob Roberts" macht die Kunst das schlechte Fernsehen nach, um zu demonstrieren, wie sehr das schlechte Leben Produkt und Imitation des Fernsehens ist. Der Film ist eine fiktive Reportage über die Wahlkampagne des Kandidaten, der durch Börsenspekulationen reich und als Sänger rechter Bekenntnis-Lieder populär geworden ist. Wahlkampf und Konzerttournee, Geschäft, Politik und Populärkultur sind so sehr zu einer Einheit geworden, daß Bob Roberts wie die Erfüllung der Gleichung von Country-&-Western-Stars und Politikern erscheint, die Robert Altman in "Nashville" aufgestellt hat. Mit einem Trick erklärt der Regisseur, warum es in dieser Reportage doch zu kleinen Widerständen, zur unvollständigen Symbiose der Menschen hinter und vor den Kameras kommt: Es handelt sich nicht um ein amerikanisches, sondern um ein englisches Team.

Die Methode von Bob Roberts und seinen Helfern ist einfach: Die einfachste aller denkbaren rechten Botschaften wird in den einfachsten aller denkbaren Formen in der größtmöglichen medialen Multiplikation vertrieben. Macht Geld, lautet diese Botschaft, nehmt keine Rücksicht, habt keine Skrupel. Der Sänger und der Politiker haben dieselbe Sprache: Alle Armen und Kranken sind selber an ihrem Elend schuld und sollten bei Gelegenheit eliminiert werden. Mit "String ’Em Up" fordert er in einem Song die Lynchjustiz für Drogendealer und -süchtige, und "This Land Was Made for Me" preist den rücksichtslosen Egoismus als uramerikanische Tugend an. "Pride", "Stolz", ist das Zauberwort, das Bob Roberts’ Anhänger auf ihren Transparenten hochhalten. Die semiologische Barbarei tritt an die Stelle jener moralischen Autonomie des Individuums, die einzig zu Stolz Anlaß gäbe.

Vergeblich kämpft Senator Paiste, Roberts’ Konkurrent, um die Aufrechterhaltung politischer Formen. Gore Vidal spielt ihn, der Äutor des Theaterstücks "The Best Man", das Franklin Shaffner 1963 verfilmt hat: eines der vielen knapp angedeuteten Vorbilder für "Bob Roberts", der, das macht ihn so brisant, nicht mehr von der ewigen Schlechtigkeit und Korruption in der Politik erzählt, sondern von einem Prozeß der Transformation, der auch den Zuschauer ergreift. In "The Best Man" ("Der Kandidat") fand wenigstens die Kamera noch einen sicheren Ort im erbarmungslosen Machtkampf. In "Bob Roberts" gibt es diesen festen Punkt nicht mehr, es ist ein Strudel der Bilder und Ereignisse, in dem wir nur versuchen können, nicht unterzugehen.

Wahrhaft grausam wird der Film in der Schilderung des Scheiterns aller Menschen, die sich dem Kandidaten in den Weg stellen wie jene TV-Redakteurin, die sich darüber empört, daß Roberts seinen Auftritt in einer ehemals satirischen Sendung schon hinter den Kulissen zu nackter Selbstwerbung umfunktioniert. Sie dreht ihm in ohnmächtigem Zorn den Strom ab, aber die Bildstörung ist nur eine Pause, nichts davon kommt beim Empfänger der endlosen Lügenbilder an. Noch schlimmer ergeht es dem schwarzen Journalisten Bugs Raplin, der in der Zeitung Troubled Times versucht, die Machenschaften des Kandidaten aufzudecken. Während Roberts einen heiligen Kreuzzug gegen die Drogen verkündet, steckt er selbst tief im Rauschgifthandel, verdient an Waffengeschäften und Geldwäscherei. Da wird ein Attentat auf den Kandidaten verübt, und als Verdächtiger wird Raplin verhaftet. Eine Welle der Sympathie für den Märtyrer der Rechten trägt den knapp dem Tode entronnenen, an den Rollstuhl gefesselten Bob Roberts zum Wahlsieg. Der Journalist wird freigesprochen und kurz darauf von einer rechten Untergrundorganisation ermordet. Es kümmert niemanden. Am Ende erfahren wir, als hätten wir es nicht gewußt, durch eine Kamerabewegung auf den wippenden Fuß Roberts’, der sich laut ärztlichem Bulletin frühestens in fünf Jahren wieder bewegen dürfte, daß das Attentat nichts als eine Inszenierung war, ein letzter Coup im medialisierten Kampf um die Macht. Diese Einstellung, mit der Robbins seine Methode aufgibt zugunsten einer Denunziation, deren es nicht bedurft hätte, gehört zu den Schwachstellen des Films. Da hat man, wenigstens für Augenblicke, das trostreiche Gefühl, es könne alles doch ein wenig "übertrieben" dargestellt sein.

Bob Roberts’ Karriere ist der Versuch, eine furchtbare Lücke zu füllen, jene sechziger Jahre, in denen, nach den Worten des Kandidaten, "Gesetzlosigkeit und Unmoral herrschten". Seine Songs sind Umdeutungen alter Bob-Dylan-Titel ("The Times Are A-Changing Back"), und er verkauft sich als rechten Rebellen gegen eine lasche, humanitätsduselige und faule Generation von Liberalen. Sein Größenwahn ist aber auch die Reaktion auf das Nichtzustandekommen einer Persönlichkeit. Das patriotische Beiwerk gibt sich gar keine Mühe mehr zu verbergen, daß es nur als Tarnung für die Aufhebung aller politischen Moral zu dienen hat.