ARD/ZDF "Die große Samstagabend-Show"

Am Hin und Her und Auf und Ab um "Wetten daß .. .?" konnte man die Krise der "großen" deutschen Fernsehunterhaltung ablesen wie auf einem Barometer. Frank Elsner gab die Show, die sein "Kind" war, ohne Not auf; Gottschalk übernahm und führte "Wetten daß .. .?" zu neuen Einschaltspitzen. Dann aber lockte RTLplus den Entertainer mit einer täglichen Show, und eine "große" Samstagabend-Sendung blieb perspektiv- und führerlos zurück.

Man weiß, daß die Programmstrategen seit Jahr und Tag am Samstag schlechter schlafen – weil die horizontal ganz Deutschland und vertikal alle Generationen erfassende und vors Gerät bannende Supersendung nicht mehr zustande kommt. "Wetten daß .. .?" war dem ZDF als letztes Flaggschiff verblieben und wurde nun von seinem Moderatoren wie ein sinkendes Schiff verlassen. Hieß dies womöglich, daß der Samstagabend sich aus dem Zugriff der Television löste, so wie seit hundert Jahren der Sonntagvormittag aus dem Zugriff der Kirchen?

Gerade noch rechtzeitig kam die Wiedervereinigung. Sie rettete die öffentlichrechtlichen Programmplaner aus ihren Ängsten um die "große Samstagabend-Show". Nicht nur ergötzt sich die von Glamour und Star-Rummel weit weniger verwöhnte Bevölkerung der neuen Bundesländer mit größerer Hingabe an Silberlaméfräcken und Trockeneisnebel, sie stellt auch die besseren, herzlicheren Moderatoren. Am letzten Samstag bewies Karsten Speck in "Ein Kessel Buntes", jenem Sing- und Tanzvergnügen, das, vor zwanzig Jahren in der DDR erfunden, leider nicht mit dieser unterging, sondern ins Erste Programm vordrang, daß ein junger Ossi mit Charme und Schnauze genau der Richtige ist, um die "große Samstagabend-Show noch einmal zu erwecken. So einer bringt etwas mit, das Ebner und Gottschalk in den Jahrzehnten ihrer Professionalität verlieren mußten: wirkliche Zuneigung zu seinem Publikum. Die alten Hasen West können uns noch so um den Bart gehen – wir spüren, daß sie uns zum Kotzen finden. Und daß sie damit völlig recht haben.

Ein talentierter Ossi, der erstmals an der ältlichen, aber gut geölten Maschinerie des bundesdeutschen TV-Showbiz drehen darf, ergreift seine Chance mit einer solchen Dankbarkeit, daß er gar nicht anders kann, als die Zeugen seines Starts von Herzen liebzuhaben. Das Publikum unterscheidet wahre Liebe von abgehacktem Geschleime sehr wohl und honoriert die naiven Avancen. Als Retter von "Wetten daß...?" sprang Ossi Wolfgang Lippert ein und reüssierte aus dem Stand. Sein verdienter Erfolg zeigt zugleich, wo der Nachwuchs für die große Samstagabend-Show zu suchen ist: im Osten.

Ob die östliche Schützenhilfe für die deutsche TV-Unterhaltung indessen auch zu wünschen ist, muß bezweifelt werden. Lippert und Speck sind sympathische Moderatoren, aber sie kommen aus der Steinzeit des Fernsehens und führen allenfalls in seine Bronzezeit. Gottschalk ist viel fieser, hält aber dem Sturm der Moderne stand. Barbara Sichtermann