Verdammt sperrig, diese Materie: dreitausend Ordner, zwei Millionen Aktenstücke – Unterlagen der Bundesregierung, des Bundesnachrichtendienstes, der Stasi und des Schalck-Imperiums Kommerzielle Koodinierung (KoKo). Stapelte jemand die Leitz-Ordner, entstünde ein Wolkenkratzer weit höher als der Lange Eugen, das Abgeordnetenhochhaus am Rhein, in dessen neunzehntem Stock der Bonner Schalck-Untersuchungsausschuß tagt.

Durch den Aktenkratzer quälen sich seit dreizehn Monaten dreizehn Parlamentarier, hübsch nach Parteienproporz ausgezählt. Der Bundestag hat ihnen aufgetragen, die dunklen Kanäle des DDR-Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski auszuleuchten. Sie lesen und lesen, befragen Zeugen – schon weit mehr als hundert – und scheinen doch kaum schlauer zu sein als zuvor. Bislang hat der Ausschuß wenig mehr hervorgebracht als den Gemeinplatz, daß irgend etwas faul war im Firmenreiche Schalck. Und viel mehr wird der Ausschuß vermutlich auch nicht herausfinden – weil er nicht mehr herausfinden soll.

Mittwoch vergangener Woche, Abgeordnetenhochhaus, Saal 1901: Klaus-Dieter Neubert tritt auf. Schalcks ehemaliger Abteilungsleiter befindet sich in einer mißlichen Lage; er leidet, wie viele Zeugen vor ihm, an Gedächtnisschwund. An seinen Namen kann er sich noch erinnern, an einen historischen Staat namens DDR nur noch vage und an eine Stasi-Liaison schon gar nicht mehr. Es beginnen quälende Stunden. Die Abgeordneten halten Neubert süffige Zitate aus dessen Kaderakte vor, Satz um Satz, Blatt um Blatt. Die Zeit verrinnt, und alles fügt sich zum Bild eines verdienten Kämpfers an der Devisenfront zusammen, durch den Titel eines Stasi-Offiziers im besonderen Einsatz (OibE) geadelt.

Statt zur eigenen Person hätte Neubert, laut Vernehmungsplan, zum Häftlingsverkauf der DDR Auskunft geben sollen: Wie liefen die Manipulationsgeschäfte ab, mit denen die DDR die Warenlieferungen der Bundesrepublik – Gegenleistung für freigelassene politische Häftlinge – in Devisen verwandelte? Was wußte der Mittler im Westen, das Diakonische Werk in Stuttgart? Gab es Kontakte zur Bundesregierung, tolerierte sie die Manipulationen? Doch statt brisante Fragen zu stellen – Sitzungspause. Mittagessen. Der Zeuge kann gehen.

Nach dem Essen eine andere Variante des gleichen Spiels. Der Schalck-Stellvertreter Manfred Seidel ist geladen, ein Mann mit Bodenhaftung, ein Kumpeltyp, der sich nicht ausschweigt. Manfred Seidel erzählt alles, so ausführlich und unpräzis, wie es niemand hören will. Aber niemand unterbricht ihn beim Schwadronieren.

Schließlich muß der Zeuge, leider, ganz schnell zum letzten Flugzeug nach Berlin. Der Ausschußvorsitzende zeigt sich großzügig. Die heiklen Fragen bleiben wieder ungestellt.