Von Heinz-Günter Kemmer

Das ist nicht einmal Herbert Gienow eingefallen, dem gern als „listenreicher Odysseus“ apostrophierten langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Klöckner-Werke AG: Sein Nachfolger, Hans Christoph von Rohr, seit dem 1. Juni vergangenen Jahres erster Mann bei Klöckner, fordert Rabatte auf Kohle von der Ruhr. Die „wettbewerbsverzerrenden“ Preise der Ruhrkohle AG von rund 250 Mark pro Tonne Koks aus deren Kokereien seien eindeutig zu hoch. Von Rohr begründet das Abschlagsbegehren damit, daß sein Unternehmen Koks für die Hochöfen des Hüttenwerks in Bremen aus dem Ausland billiger beziehen könne als von der Ruhr.

Sein Unternehmen habe, so versichert von Rohr, Koks aus Japan, Australien und Polen in guter Qualität für nur 170 Mark je Tonne gekauft – in Probemengen wohlgemerkt, denn der Hüttenvertrag verpflichtet die deutschen Stahlerzeuger dazu, noch bis zum Jahr 2000 ihren Koks oder ihre Kokskohle ausschließlich bei deutschen Zechengesellschaften zu kaufen. Damit das die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht beeinträchtigt, greift die Bundesregierung tief in die Tasche: Mit Hilfe der sogenannten Kokskohlenbeihilfe wird der Preis der deutschen Kohle auf Weltmarktniveau heruntergeschleust. Die Hilfsaktion hat die Steuerzahler im vergangenen Jahr rund 3,5 Milliarden Mark gekostet, dafür aber auch allein bei der Ruhrkohle einen Absatz von gut achtzehn Millionen Tonnen Kohle gesichert.

Die Stahlunternehmen sind mit dieser Regelung, die bei Gründung der Ruhrkohle im Jahre 1968 verabredet wurde, immer recht zufrieden gewesen. Sie haben Koks oder Kohle stets verläßlich und in guter Qualität geliefert bekommen; sie mußten nicht – wie beim Schiffstransport aus Übersee – Mengen von 100 000 Tonnen oder mehr auf einen Schlag verkraften und dafür Lagerkapazität schaffen. Statt dessen bekamen sie den Koks waggonweise direkt vor die Hochofenbunker gekippt.

Aber nun ruft Klöckner plötzlich nach einem Schiedsgericht und macht überdies noch einen weiteren Mangel geltend, den die Ruhrkohle nun wahrlich nicht zu vertreten hat: Andere Stahlunternehmen, so klagt von Rohr, verfügten über eigene Kokereien und bekämen ihren Koks deshalb billiger als die Klöckner-Hütten in Bremen und in Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Das ist gewiß eine richtige Erkenntnis. Wer bei der Ruhrkohle nicht Koks, sondern Kokskohle kauft, wer das Kokereigas in einem vernünftigen Verbund in seinen Energiehaushalt einschleust und überdies die bei der Verkokung anfallenden Wertstoffe verkauft, der steht sich besser als der Kokskäufer.

Nur war es – und darauf macht die Ruhrkohle in einer Replik auf das Klöckner-Ansinnen aufmerksam – die „eigene, freie unternehmerische Entscheidung“ der Klöckner-Werke, in Bremen keine Kokerei zu bauen und statt dessen den Koks von der Ruhr zu beziehen. Die Ruhrkohle habe die für Klöckner erforderliche Kokereikapazität gebaut und halte diese zu den vereinbarten Bedingungen für Klöckner vor. Für die Ruhrkohle gibt es deshalb keinen Zweifel daran, daß Klöckner auch weiterhin verpflichtet ist, Koks von der Ruhr zu vertragsgemäßen Bedingungen zu beziehen.

Was aber hat Hans Christoph von Rohr zu der Attacke auf den Hüttenvertrag veranlaßt? Dem Stahlbereich der Klöckner-Werke geht es wieder einmal schlecht, deshalb der Versuch, einen Teil der Verluste auf Dritte abzuwälzen. Klöckner rechnet bei Stahl mit einem Jahresverlust von 180 bis 200 Millionen Mark, der nur zur Hälfte durch Gewinne aus der – in der Ära Gienow – stark ausgebauten Verarbeitung ausgeglichen wird. Zumindest im laufenden Geschäft gibt es also einen satten Verlust. Von einer Wiederaufnahme der Dividendenzahlung – Gienow hatte sich mit fünf Mark Dividende für das Geschäftsjahr 1989/90 verabschiedet, von Rohr hatte sogleich die Dividendenzahlung für das folgende Jahr eingestellt – ist Klöckner also weit entfernt.

Es kommt hinzu, daß die an den Klöckner-Werken über das Handelshaus Klöckner & Co mit zwanzig Prozent beteiligte Viag den Stahl lieber heute als morgen los sein möchte – ein Käufer wird dringend gesucht. Wenn man dem einen modifizierten Hüttenvertrag mit Einsparungen von jährlich achtzig oder neunzig Millionen Mark präsentieren könnte, wäre er sicherlich leichter zu finden. Bezahlen müßte das freilich der Steuerzahler, denn die Ruhrkohle ist nicht in der Lage, eine derartige Summe aus eigener Kraft aufzubringen. Ob der nun auch noch dafür geradestehen sollte, eine falsche unternehmerische Entscheidung der Vergangenheit – keine Kokerei in Bremen – zu korrigieren, ist mehr als fraglich.