Von Arne Daniels

Bis zur vergangenen Woche hatte die Weltöffentlichkeit von der neuzera Möbel GmbH wohl kaum Notiz genommen. Dann aber meldete Bild am Sonntag unter großer Aufmachung, die amerikanische Firma Ashley Furniture Industries habe gleichsam in letzter Minute vom Kauf der brandenburgischen Fabrik Abstand genommen – wegen der ausländerfeindlichen Krawalle im Osten Deutschlands. Gleich am Montag bedrängten Journalisten und Photographen die neuzera-Geschäftsführung, und plötzlich fanden sich die Möbelbauer aus Rathenow sogar auf Seite eins des renommierten Wall Street Journal wieder.

Der Rummel um die eher unbedeutende Fabrik hat gute Gründe. Zwar bemüht sich die Treuhandanstalt in Berlin, derzeit noch Eigentümerin von neuzera, um Klarstellung: Ashley war nicht mehr als einer von vielen Interessenten, und die Amerikaner begründen ihren Rückzieher nicht allein mit dem Fremdenhaß in Deutschland, sondern auch mit der Stärke der Mark und der Rezession in den Vereinigten Staaten, Doch zum ersten Mal schien ein handfester Beleg für eine Sorge gefunden, die Politiker und Wirtschaftsführer in der Bundesrepublik mehr und mehr beschäftigt: Die Gewaltexzesse der Rechten, wachsende Fremdenfeindlichkeit und wiederaufflammender Antisemitismus könnten nicht nur das Ansehen Deutschlands in der Welt ruinieren, sondern auch der Wirtschaft des Landes schweren Schaden zufügen. Wo immer derzeit Industrie- und Treuhand-Vertreter, Politiker und Diplomaten im Ausland für den Standort Deutschland und seine Waren werben, werden sie zuerst auf die Situation in ihrer Heimat angesprochen. Sowohl Hamburgs Erster Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) als auch der brandenburgische Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP), die beide in den vergangenen Wochen auf Asienreisen für ihre Regionen die Werbetrommel rührten, mußten sich skeptischen Fragen über Ursachen und Ausmaß des Rechtsradikalismus stellen.

Zwar sind bislang konkrete Beispiele für den durch die Ausschreitungen entstehenden wirtschaftlichen Schaden kaum auszumachen; und dieser Schaden wird sich auch in Zukunft nicht quantifizieren lassen. Dennoch: Der Ausbruch von Gewalt und Haß gefährdet das Fundament des deutschen Wohlstands.

"Die Deutschen" mit dem Image von Fleiß, Strebsamkeit und Disziplin galten zwar schon bisher nicht überall als besonders sympathische Zeitgenossen, wohl aber als verläßliche Geschäftspartner; Waren made in Germany sind weltweit begehrt. Nachdem in den vergangenen Monaten Fernsehbilder von brennenden Asylbewerberheimen und prügelnden Neonazis um den Globus gingen, feiert nun bemerkenswert schnell ein anderes Stereotyp Wiederauferstehung: das des häßlichen Deutschen – großmäulig, gewalttätig, herrschsüchtig und unbelehrbar.

Das könnte Folgen haben. Die zweitgrößte Exportnation der Welt (deren Wirtschaft nicht zuletzt von fast zwei Millionen ausländischen Arbeitnehmern in Schwung gehalten wird) ist von guten internationalen Beziehungen abhängig. Hinzu kommt gerade jetzt, daß für den Wiederaufbau der ehemaligen DDR Hilfe von außen höchst willkommen wäre.

Ausländer raus – der schlichten Aufforderung der rechtsradikalen Schläger und ihrer Sympathisanten drohen nun gerade jene nachzukommen, um deren wirtschaftliches und finanzielles Engagement sich Politiker, Wirtschaftsvertreter und Treuhand-Manager verzweifelt bemühen. Die Welle der Gewalttaten schrecke Investoren ab, warnte etwa Treuhand-Chefin Birgit Breuel vergangene Woche. Das gleiche fürchtet auch Hans Peter Stihl. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) mahnt die Deutschen: "Allein können wir den Aufschwung Ost nicht schaffen."