Von Konrad Heidkamp

Na, was gibt’s Neues?“ Immer, wenn er seine Frau im Laden vertrat, schob mir der Kioskbesitzer die Frage über die Theke, zusammen mit den Zigaretten und Zeitungen. Keine literarische Figur, unser Zigarettenhändler, keine rhetorische Frage, er hätte wirklich gerne einen Plattentip, eine Konzertempfehlung zurückbekommen. Offenbar hatten ihn meine Antworten enttäuscht, vielleicht schienen ihm meine Vorschläge zu abwegig, vor zwei Jahren hat er mir die Frage zum letzten Mal gestellt.

„Was gibt’s Neues?“ 1956 hätte er mich kaum ansprechen können, 1963 wäre die Frage im kreischenden „Yeah, yeah, yeah“ untergegangen, 1967 an einem unterkühlten „I’m Waiting For My Man“ abgeprallt, 1972 hätte er sich David Bowie und Roxy Music notiert, 1977 wäre ihm der Stift aus der Hand gefallen – die Sex Pistols, Clash, Patti Smith, Television, Talking Heads. Und die achtziger Jahre? Bedeutend, beliebig, belanglos. Je nach Geschmack und Ideologie: vom Zitatpop zum Reggae, von den Synthie-Bands zu den bekennenden Songwritern, vom Gitarrenpop zum Funk, auf der Suche nach neuen Prinzen und Königinnen. Kaum hatte sich eine Richtung durchgesetzt, kaum war sie von Industrie und Musikkritik auf den Begriff gebracht, verflüchtigten sich die Namen im Äther.

Einige überlebten: die Megastars Madonna, Michael Jackson, Prince, Bruce Springsteen; sie verwandelten sich von Personen in eigene, sich mittlerweile abnützende Genres, der Inhalt wurde zum Image, ihre Musik zum Markenzeichen

Die Klagen klingen alt seit Altamont: Verlust der Hoffnung auf die revolutionäre Kraft der Rockmusik, das Ende des Glaubens an die heilende Kraft von Freiluftkonzerten, der Sieg der Musikindustrie über das innovative Potential des jugendlichen Aufbegehrens, die Zeiten, die sich doch nicht verändert haben, die neue Unübersichtlichkeit. Die Klagen sind so alt wie das Rockpublikum. Mit 1800 Mark Miete, zwei Kindern, einem Volvo, dem gutbezahlten, aber ungeliebten Job und dem widerwillig, aber jetzt doch angeschlossenen CD-Player möchte man wieder in- formiert sein und Neues hören. Nach 21 Uhr, wenn die Kinder im Bett sind und Cat Stevens, Cream oder Janis Joplin eher peinlich sentimentale Erinnerungen wachrufen als progressive Entspannung versprechen. Die Erwartung ist gleichermaßen naiv wie ahistorisch.

Aufklärungssätze über die Funktion von Rockmusik drohen! Von der „Defizittheorie“ könnte da die Rede sein, vom Erfolg der Popmusik bei den Unbehausten, den Jugendlichen. Oder von der Popmusik als Psychopharmakon, das die Entfremdung beständig lindert und sublimiert. Oder von der Rockmusik als „Übergangsobjekt“ von der Mutterbrust zu den Objekten, die Schallplatte als elaborierten Nachfolger des Teddybärs und der Schmusedecke erklärend. Oder – es gibt da noch einiges – die Idee des „kollektiven Übergangsobjekts“, die Suche nach einem Mythos, in dem die kollektive Identifikation – verbunden mit einer imaginären Symbolsprache – verhindert, daß der einzelne Eifersucht empfindet, sich statt dessen mit dem anderen Fan solidarisiert in der gemeinsamen Identifikation mit dem geliebten Popobjekt. Schön klingt das und klug und überzeugend. Je langweiliger die Musik, desto länger die Erklärungen, und man tritt inzwischen der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft bei (R. Flender/H. Rauhe „Popmusik“), um einzusehen, warum Popmusik nach 21 Uhr zum Anachronismus wird.

Früher konnte man das anders lesen: „Superpop? Viel ist es nicht gewesen, immer war es simpel, blöd und vulgär und künstlich, und es war Lärm, das ist alles“, schrieb Nick Cohn in seinem noch immer einzigartigen Buch „A Wop-BopaLooBop ALopbamBoom“ über die Popmusik, die für ihn 1967 zu Ende ging. „Superpop, das ist wie ein unaufhörlicher Western, er besaß dieselbe klassische Simplizität, dieselbe Macht, Klischees zu Mythen zu machen. Er hatte keinen eigenen Verstand. Alles, was er tat, war: Trends einzufangen, Stimmungen, Teen-Besessenheiten und sie zu Bildern einzufrieren. Er hat gigantische Karikaturen der Lust, der Gewalttätigkeit, der Romanze und der Revolte geschaffen, und sie waren die übermächtigsten, genauesten Formulierungen dieser Zeit.“