Ranke sieht längst nicht so gut aus, wie er schreibt.

Herbert Ranke in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 7. Oktober 1992

Dicke Mama, gutes Kind

Er zürnt und ist heftig ergrimmt, der junge Mensch, die Welt ist so schlecht und zu ihm ganz besonders gemein. Vor allem die „Flaneure“ nerven ihn, diese „luxurierenden Trödler“ mit ihren „trantütigen Texten“. Alles redet nur von diesen „anämischen Tränensäcken“; an ihrem „verflennten Kulturpessimismus“ labt sich die „Verschwörung der Idioten im Kulturbetrieb“. Nur von ihm, vom jungen Menschen, redet keiner. Dabei weiß es der junge Mensch, dazu ist er schließlich auf der Welt, viel, viel besser. Er allein geht „an jene dirty places“, wo „Bisse und Küsse so schwer zu unterscheiden“ sind, er allein wühlt sich in die Wirklichkeit, in der „nicht schon alles durch einen ästhetischen Kodex gezähmt“ ist. Doch keiner dankt es ihm, keiner hört auf ihn. Der junge Mensch, diese Woche heißt er Matthias Altenburg, gibt nicht so schnell auf. Er setzt sich hin und schreibt ein richtig gemeines, ein grundböses Pamphlet wider die Flaneure, und der Spiegel, das Zentralorgan der neuen deutschen Literatur, druckt es. Altenburg predigt alles, was gut und amerikanisch ist: Arbeit. Spannung. Tempo. Drive. Leben. Er schreit und tobt und wütet für eine bessere Literatur, die „uns noch immer auf allen Ebenen des Menschlichen anzurühren versteht“ (nicht schlecht, das mit den Ebenen!), die „in der Lage ist, uns klüger, genauer und sogar schöner zu machen“. Wie schön diese angerührte Literatur einen zu machen in der Lage ist, sehen wir auf dem Photo, das Altenburg neben seinem ästhetischen Manifest zeigt: der garantiert authentische hardcore-Autor mit 100%ig abgewetzter Lederjacke und jenem lebensbitteren Schnurrbart, den seinerzeit ein anderer böser junger Mensch – er wird in diesen Tagen 65 und heißt noch immer Günter Grass – in die deutsche Literatur eingeführt hat. Damit wir ihn recht verstehen, den neuesten jungen Menschen in seiner ganzen bösenbösen Wut, schreckt er nicht davor zurück, Namen zu nennen: „Warum gehen unsere Autoren nicht endlich bei T. Coraghessan Boyle in die Schule, bei Truman Capote und dem riesigen Cormac McCarthy ... und natürlich bei jener dicken Mama, die wir uns angewöhnt haben ‚das Leben‘ zu nennen“? Wie haben wir dich nur vergessen können, du gutes, dickes Muttchen, du! Und, ja, auch das noch: Matthias Altenburg hat soeben einen Roman veröffentlicht. Er heißt „Die Liebe der Menschenfresser“ und scheint reichlich dirty places zu schildern. „Der Leser“, berichtet jedenfalls der Rezensent der tat, „der Leser klappt nach fünf Stunden dankbar und emotional betroffen das Buch zu, um sich sodann einem Gefühl von Trauer und Verlust hinzugeben.“ Wir fühlen und trauern mit.

Tanz und Tod

Zwanzig Minuten lang applaudierte am 8. Oktober das Publikum in der Pariser Oper, stehend, einem Künstler, der auf seinem Krankenbett in den Kulissen lag. Erst zum Schluß konnten die Tänzer den Choreographen dazu bewegen, sich einmal mit ihnen zu verbeugen. Auf beiden Seiten gestützt, wankte ein Greis im Frack auf die Bühne, der seit seinem letzten Auftreten zum Skelett abgemagerte, 54jährige Rudolf Nurejew. Hier in Paris, wo der Star des Leningrader Kirow-Balletts am 17. Juni 1961 bei einem Gastspiel um politisches Asyl gebeten hatte, ging seine Karriere als einer der bedeutendsten Tänzer und Choreographen zu Ende, mit einer Aufführung des Balletts „La Bajadère“, das Marius Petipa in der Vertonung von Ludwig Minkus 1877 in St. Petersburg uraufgeführt hat. Ist auch Nurejew an Aids erkrankt? Trotz aller Dementis verstummen die Gerüchte nicht. Denn gerade in den Ensembles der Tanzkünstler wütet die Krankheit. Nach dem Aids-Tod von Gerhard Bohner und Jeffrey Kirk macht nun die in Köln in drei Sprachen erscheinende Zeitschrift ballett international das Problem „Tänzer und Aids“ zu einem der Haupt-Themen des Oktoberhefts. Bewegend und informationsreich, was Freunde und Kolleginnen des Hamburger Tänzers Kirk über die letzte Arbeitszeit mit ihm berichten, weil plötzlich im Probensaal und auf der Bühne gegenwärtig war, was gerade die scheinbar ewiger Jugend geweihten Tänzer verdrängen: der Tod.