Haben Sie jetzt wirklich nichts mehr zu sagen, oder ist das wieder was aus Ihrem Rhetorikkurs?“ Der Bremer Physiker Gerald Kirchner hatte nun wirklich kein Mitleid mit den Vertretern des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Immer wenn sie bei der Anhörung in Salzgitter zum Endlager Schacht Konrad vergangene Woche in Schweigen verfielen, kam der spitze Kommentar.

Dabei war die Sprachlosigkeit der Strahlenschützer nicht durchweg auf die „gewisse Schulung“ (BfS-Eigenangabe) zurückzuführen. Zwar ist das Amt Antragsteller für das Nukleardepot, das einmal schwach- und mittelaktiven Abfall auch aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague aufnehmen soll. Aber seine Vertreter können in der Tat noch nicht so genau wissen, was ihnen beispielsweise die Betreiberfirma Cogéma liefern wird.

Auch die Bundesregierung ist offenbar nicht ganz im Bilde. Denn in der Antwort Ende Juni auf eine kleine Anfrage der SPD-Fraktion gab sie zwar genaue Zahlen über jenen Atommüll, den sie in den Jahren zwischen 1994 und 2003 zurückerwartet: 69 000 Kubikmeter hochaktiven Abfall. Aber sie fügte vorsichtshalber hinzu: „aus derzeitiger Sicht“. Die erstaunliche Ignoranz geht auf das Konto der Nukleokraten auf beiden Seiten des Rheins. Jahrelang hatten sie geglaubt, sie könnten die drei Atommüllkategorien beliebig austauschen, die bei der Wiederaufarbeitung neben Plutonium und Uran anfallen: Unmengen von schwach- und mittelaktivem sowie nur wenig hochaktivem Abfall.

Die Atommanager wollten unter Ausschluß der Öffentlichkeit einen kleinen Mülltausch vornehmen, ganz nach dem Motto: „Ich behalte einen Container voll schwach- und mittelaktiven Abfalls, und dafür bekommst du von mir einen Fingerhut voll hochaktiven Unrats.“ Die Vorteile eines solchen Deals für Cogéma und ihre Kunden hatte kürzlich die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) noch an das niedersächsische Umweltministerium in einem Brief beschrieben: „Kostenvorteile, verringerte Transportkosten sowie geringeres Transportaufkommen sprechen eindeutig dafür.

So machte die Cogéma denn auch bis Mitte 1988 keinerlei Anstalten, verstrahlte Schlämme oder radioaktive Teile der zersägten Brennelemente reisefertig zu verpacken, alles wurde einfach in Betonsilos unbehandelt zwischengelagert. Schlimmer noch: Alle schwachaktiven Abfälle aus der Wiederaufarbeitung in La Hague sind bereits Im angrenzenden Centre de Stockage de la Manche (CSM) unter die Erde gebracht worden. Dort liegen auch die 24 000 Kubikmeter, die laut Antwort der Bundesregierung auf die kleine SPD-Anfrage „rechnerisch“ bei der Behandlung bundesdeutschen Brennstoffs angefallen sind.

Zumindest die Cogéma hat aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. „Mittlerweile zeichnen sich zunehmende Realisierungsschwierigkeiten auch von Seiten der französischen Genehmigungsbehörden ab“, berichteten GNS-Vertreter auf der Jahrestagung Kerntechnik. Im Klartext: Die französische Bevölkerung macht beim Mülltausch nicht mit.

Um die Wogen zu glätten, mußte Industrieminister Dominique Strauss-Kahn Mitte 1991 vor der Nationalversammlung während der Debatte über ein Atommüllgesetz erklären: „Alle Abfälle werden exakt in ihre Ursprungsländer zurückgeschickt. Und es ist mir eine Freude, Sie in diesem Punkt beruhigen zu können.“

Wie Ministerwort und Endlagerpraxis zusammengehen – das muß freilich erst noch geklärt werden. Strauss-Kahn ist mittlerweile wohl auch durch das neue Gesetz gebunden, das seit Anfang des Jahres gültig ist. Deswegen prüfen die französischen Grünen bereits die Möglichkeit, gegen die „illegale Endlagerung“ radioaktiver Abfälle aus dem Ausland vor Gericht zu gehen. ls/my