Von Wilfried Herz

Die Debatte in Bonn nährt die Krise, statt sie zu klären. Kommt – trotz der Dementis – eine Zwangsanleihe? Oder wird ein neuer Solidaritätszuschlag erhoben? Mit Scheuklappen starren die Politiker auf den wirtschaftlichen Niedergang im Osten. Derweil bricht im Westen die ökonomische Basis für den gemeinsamen Aufbau weg.

Spätestens in der Wirtschaftskrise werden wir es in West und Ost unter Schmerzen lernen: Wir sind ein Volk und eine Volkswirtschaft. Und dies schon heute, nicht erst am Sankt-Nimmerleins-Tag einer erfolgreichen Aufholjagd Ostdeutschlands. Jetzt aber folgt dem Absturz Ost erst einmal der Abschwung West. Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, daß die schon lang anhaltende Flaute in der westdeutschen Wirtschaft in eine Rezession übergeht.

Wie aber soll eine lahmende Wirtschaft im Westen bei Wachstumsverlusten und Wohlstandseinbußen ihrer Bürger die zusätzlichen Leistungen für den Aufbau und ein Mindestmaß sozialer Sicherheit in Ostdeutschland aufbringen? Je tiefer jedoch der Osten abstürzt, desto mehr leidet nicht nur die Bevölkerung in den neuen Ländern unter dem Verlust von Arbeitsplätzen und beruflichen Perspektiven, desto kostspieliger wird der Prozeß auch für den Westen.

Die um sich greifende Rezessionsfurcht ist wirklich gerechtfertigt. Keinesfalls ist, wie Bonner Politiker behaupten, nur die Stimmung schlechter als die Lage. Von der Abweichung zu Beginn dieses Jahres abgesehen, nimmt die gesamtwirtschaftliche Produktion im Westen schon seit dem Frühjahr 1991 Quartal für Quartal kontinuierlich leicht ab. Die Arbeitslosenzahlen steigen seit, Monaten wieder an.

In Ostdeutschland hingegen ist ein selbsttragender Aufschwung noch immer nicht in Sicht. Die Industrieproduktion ist auf dreißig Prozent ihres früheren Niveaus gesunken; wenn die Treuhand nicht viele Unternehmen mit Krediten künstlich am Leben erhielte, wären es gerade noch fünfzehn Prozent. Der Optimismus, daß die ostdeutsche Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von rund zehn Prozent erreichen könnte, ist längst gewichen. Jetzt wäre mancher schon froh, wenn am Ende des Jahres überhaupt noch ein Plus verzeichnet werden könnte.

Die Prognosen eines gesamtdeutschen Aufwärtstrends im nächsten Jahr, wie ihn auch die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem neuen Herbstgutachten voraussagen, stehen auf tönernen Füßen. Sie basieren auf der Erwartung, daß sich der Welthandel beleben wird. Doch wichtige Industrienationen wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien kämpfen selber noch mit der Schwäche ihrer Wirtschaft.