Immer wenn aus Wirtschaft mehr werden soll als Wirtschaft, buchen Manager gern Ethikkurse mit Kant, kategorischem Imperativ und Kaviarbrötchen, dem Prinzip Hoffnung und dem Prinzip Verantwortung, teuer, aber eindrucksvoll.

„Schnee von gestern“, sagt Direktionsassistent Dr. Günter P., als im Kollegenkreis der Europäischen Management- und Marketing-Agentur (EMMA) der neue elitäre Trend für den Winter 1992/93 festgemacht wird. „Ethik ist out, Ästhetik ist in!“

„Beim Kongreß ‚Die Aktualität des Ästhetischen‘ in Hannover waren 2000 Menschen dabei, quer durch die akademischen Disziplinen, von Design bis Dasein, auch Werbung gut vertreten“, ergänzt Kollege L. „Sehr kreativ. Sehr schwer verständlich. Und Professor Bohrer hat eine fulminante Rede gehalten.“

„Ein Bohrer macht noch keinen Handwerkskasten für Ästhetik“, sagt Kollege M., der schon mehrere ästhetische Wellen erlebt hat, eine schöner als die andere.

„Nein“, sagt Dr. P., „deshalb muß EMMA versuchen, den Hauch, um nicht zu sagen den Äther, des Ästhetischen, dieses unwägbare, diffuse Moment an Wirtschaft und Gesellschaft zu vermitteln, aber ohne Sinnstiftung über eine Identifikation mit Signifikation.“

„Warum reden Sie so geschwollen?“ fragt Kollegin S.

„Ich rede nicht“, sagt Dr. P. „Ich zitiere Professor Bohrer.“