Von Heinz Josef Herbort

Da liegen sie nun an der Erde, kraftlos, ratlos, mutlos: die junge Götterfamilie von nebenan und ihre beiden Freunde – schon fast am Ende. Als wir sie kennenlernten, vor knapp einer halben Stunde, schienen sie noch voller Tatendrang, mit dem Optimismus des „Was kostet die Welt?“ der „Erben“-Generation: der so sympathische, nette, ganz natürliche, manchmal allerdings auch an einen Kaplan aus vorkonziliarer Zeit erinnernde (aber ja wohl reformierte Wotan) und seine Gattin Fricka, eine ziemlich oberflächliche Tussi offenbar, rechthaberisch, puritanisch, aber auch mit Schmuck zu bestechen; sie muß, verrät ihr Outfit, auf jeden Fall noch den spätbürgerlichen Salon kennengelernt und geschätzt haben. (Frickas jüngere Schwester Freia übrigens machte, bevor sie den beiden Monstern folgen mußte, die den Wotans die neue Villa bauten, einen eher backfischhaft naiven Eindruck, drehte sich dauernd in ihrem blumigen Voile-Kleidchen wie vor einem Spiegel und konnte, als es ernst wurde, kaum begreifen – offen gestanden: Uns ging es nicht anders –, daß die beiden Figuren aus dem Horror-Video lebendige Wesen seien und sie fürs erste mitschleppen könnten.) Und daneben diese zwei – ja was sind sie eigentlich: Freunde? Verwandte? Niemand ahnt so recht, wie sie in den Clan passen: zwei heldische Barden offenbar aus der Pop-Szene, in Lackstiefeln und weißen Offiziers-Gehröcken, rotes Haar der eine, Donner, blond mit neckischem Zopf der andere, Froh, beide ziemlich eitle Fatzken.

Die ehedem fünf hatten sich einen Traum erfüllt, wollten mit einem ganz großen Wurf Geschichte machen – ohne freilich dieses Projekt je bezahlen zu können. Sie kannten dieses ihr Problem, wollten es aber verdrängen, durch Aussitzen bewältigen. Nun hat die Realität sie eingeholt. Jetzt kleben die Zurückgebliebenen am Boden, können gerade noch auf jemanden zurobben, der eine letzte Überlebenshoffnung präsentiert: Der Korb an seinem Arm enthielt, als die kleine Freia noch nicht entführt war, immer die lebenswichtigen „goldenen“ Äpfel. Aber der Typ im scharzen Trainingsdreß, mit dem Käppi, das ihn aussehen läßt wie Friedrich Gulda oder den Mephisto aus dem Stadttheater, dieser Loge zeigt ihnen zynisch an, daß nichts mehr geht: Der Apfelkorb ist leer bis auf einen kleinen halbverfaulten Rest. Anspielung auf die politische wie gesellschaftliche Situation unserer Tage?

Dieses Strindberg-nahe Bild ist das wohl stärkste in der „Rheingold“-Produktion, mit der die Wiener Staatsoper in der vergangenen Woche den Versuch begonnen hat, sich einen neuen „Ring“ zu schmieden: Der Regisseur Adolf Dresen, der Bühnen- und Kostümbildner Herbert Kapplmüller und der Dirigent Christoph von Dohnányi wollen ihn im Laufe dieser Saison erarbeiten.

Daran ist ja kein Zweifel: Wer, wenn nicht ein großes Staatsopern-Museum, „braucht“ eine komplette Tetralogie – und den Wienern ist ein „Ring“ das letzte Mal in den Jahren 1957-60 in der Direktionszeit Herbert von Karajans „geraten“. Daran aber ist ebenfalls kein Zweifel: Ein „großes“ Museum bräuchte auch eine „große“ Ausstellung, die „stichhält“ im elektronischen Medien-Wettbewerb wie im Kampf der Häuser unter- und gegeneinander. In Wien findet sie wie überall auf mehreren Ebenen statt.

Da ist zum einen die, sagen wir: philosophischhistorische; an ihrem Eingang steht der Begriff „Mythos“. Hier besichtigen wir den Versuch, Wagners in der Ästhetik wie Bildersprache seiner Zeit formulierte Antworten auf menschheitliche Urfragen – über den Ursprung des Bösen etwa, über die Rolle der Frau in einer wie auch immer strukturierten Gesellschaft, über das Recht des Stärkeren, über Usurpation von Macht und deren Folgen, den legitimen Anspruch auf Individualität – interpretierend zu dechiffrieren, aber zugleich im Entmythologisieren des alten einen neuen, einen eigenen Mythos zu formulieren. Und da kommen wir nicht an der Tatsache vorbei, daß es den dreien – bislang – kaum gelungen ist, solche neuen eigenen Antworten zu finden, ja, nicht einmal die alten deutlich zu machen.

Ausgestellt werden – bis auf das geschilderte Bild – kaum mehr als sich bewegende Arrangements, mit zum Teil durchaus psychologisierenden Details, die aber alle nicht die Konsequenz besitzen, um über ihre Zufälligkeit hinauszuweisen. Die Götter etwa: Keiner von ihnen läßt auch nur für eine kurze Zeit erahnen, daß in ihm etwas vom Numinosen personifiziert ist; daß damit der unsere Erfahrungswirklichkeit transzendierende Versuch unternommen wird, ein Nicht-Wissen über unsere menschliche Existenz annähernd zu füllen mit einer wenigstens momentan gültigen Erklärung. Die Riesen zum Beispiel: Lassen sich unsere menschlich-kreatürlichen Phobien, unsere Neurosen, also auch unsere angsterfüllten Ahnungen von anderen Existenzformen heute noch bewältigen durch Karikaturen, durch lächerliche Deformationen, durch Verzerrung einer uns geläufigen Spezies hin zu einer un-menschlichen Mißgestalt? Die Damen: Daß Richard Wagner noch kein Verfechter einer Emanzipation war, sondern sich in seinem Machismo wohl fühlte – reicht das aus, um Göttinnen (wie oft eigentlich schon?) zu Dummerchen oder Xantippen zu entwürdigen? Walhall, die hehre Burg: Es ist gewiß ein wichtiger Hinweis auf die Parameter einer anvisierten multikulturellen Gesellschaft, wenn hier weder Neuschwanstein noch eine intergalaktische Zwischenstation das Vorbild lieferten, sondern die Kaaba in Mekka – aber die Folgen können fatal sein, wenn dann die Wurstfinger-Fäuste der Riesen sich um eine der unterdimensionierten Würfelkanten („Dort steht’s, was wir stemmten“!!) krallen und Wotans Machtkampfzentrale so auf die Gewichtigkeit einer Puppenspielbude reduziert wird. Oder Nibelheim: Dieses Tiefgeschoß eines Veredelungsbetriebs mit seinen frühindustriellen Loren und Lastenfahrstühlen steckt durchaus voller düsterer Gewalt und verbreitet die Atmosphäre einer geheimen Unterdrückungsmaschinerie – aber sowohl der dort regierende Alberich wie der geprügelte Mime wie die geschundenen Nibelungen werden uns weniger in den Kategorien von Macht und Furcht als vielmehr in den Attitüden des offenbachisch Komischen und Satie-nahen Grotesken vorgeführt. Alberichs Fluch schließlich: Wen soll es schon kümmern, daß dieser bucklige Piefke ein paar Drohworte ausstößt. Es scheint, als wollten Adolf Dresen und Herbert Kapplmüller das kleine Vorspiel Richard Wagners zu seinem Welttheater zum augenzwinkernden Satyrspiel umfunktionieren. Die Frage ist, wie ernst wir anschließend noch die Tragödie nehmen können. Da ist, zum zweiten, die theatralisch-kulinarische Ebene. „Nur mach’ vor Staunen mich stumm!“ wünscht sich Loge von Mime, wenn der die Möglichkeiten seiner Wunderwaffe, des Tarnhelms, vorführen soll und will. „Das Rheingold“ ist, stärker als alle anderen Werke Richard Wagners, auch ein Stück für bühnentechnische Tricks und Überraschungen, darin durchaus vergleichbar dem Maschinentheater der Opera seria des 17. und frühen 18. Jahrhunderts.