GROSSBURGWEDEL – sein Abschiedsbrief gibt zu denken. „Behinderte haben in dieser Welt wohl nie mehr eine Chance“, schrieb Günter Schirmer seiner Frau, bevor er sich mit Tabletten das Leben nahm. „Bei Hitler hätten sie mich bestimmt vergast, vielleicht haben diese vielen jungen Menschen doch recht.“

Die „vielen jungen Menschen“, von denen im Brief die Rede ist, haben Günter Schirmer in den Tod getrieben. Viele von ihnen gehen noch zur Schule. Sie haben den 46 Jahre alten Mann bespuckt, beschimpft und geschlagen. Mit seiner Behinderung hatte der frühere Sport- und Mathematikstudent gelernt zu leben. „Daß ihm aber die Würde genommen wurde“, sagt seine Frau, „das hat ihm den Lebensmut geraubt.“

Bis zum Jahre 1979 war Günter Schirmer ein erfolgreicher Handballspieler und auf dem besten Weg, Lehrer zu werden. Ein Verkehrsunfall durchkreuzte seine Pläne. Er verlor ein Bein, lag ein halbes Jahr im Koma. Doch trotz eines totalen Gedächtnisverlustes rappelte er sich wieder auf, lernte allmählich wieder sprechen und schließlich sogar radfahren. Mit seinem Cockerspaniel Chico im Körbchen vor der Lenkstange war der bärtige Mann auf dem Behinderten-Dreirad in Großburgwedel bei Hannover eine ortsbekannte Erscheinung, er galt als gesellig und heiter. Erst drei Wochen vor seinem Selbstmord bekam seine Frau mit, was ihr Mann auszustehen hatte.

Früher Nachmittag in Großburgwedel. Das Ehepaar Schirmer ist unterwegs zum Rathaus. Auf dem Schulweg kommen den beiden Hunderte zumeist radelnder Schüler entgegen. Es wird eng. Plötzlich beobachtet Irene Schirmer, wie einige der Jugendlichen ihrem Mann ins Dreirad treten, ihn bespucken und anpöbeln. „Unter Hitler wärst du schon lange vergast worden“, rufen sie und: „Du lebst von unseren Steuergeldern.“ Als die beiden am Rathaus ankommen, ist Günter Schirmer von oben bis unten verunreinigt von Spucke. Seine Frau ist entsetzt. Doch ihr Mann gibt sich gelassen. „Mach dir nichts draus“, sagt er ihr. „Das bin ich gewohnt.“ Da erinnert sich die gelernte Krankenschwester daran, daß er erst vor Tagen mit einer Rißwunde am Bein nach Hause gekommen war. Er sei von der Treppe gestürzt, hatte er ihr gesagt. Jetzt aber erfährt sie, daß er in der Nähe des hannoverschen Hauptbahnhofs von einer U-Bahn-Treppe gestoßen worden war. Sie erfährt von zerstochenen Fahrradreifen, Anfeindungen, wiederholten Spuck-Attacken.

„Aus Angst, seine Selbstachtung zu verlieren, hat er mir verschwiegen, wie ohnmächtig er diesen Angriffen ausgesetzt war“, sagt seine Frau heute. Die Angst vor den Demütigungen sei am Ende aber so groß gewesen, daß er sich zwei Wochen vor seinem Selbstmord nicht mehr auf die Straße gewagt habe.

Günter Schirmer steht mit seinem Schicksal in Großburgwedel offenbar nicht allein. Auch geistig und körperlich behinderte Jugendliche, die von der örtlichen Pestalozzi-Stiftung betreut werden, waren in der Vergangenheit tätlichen Angriffen ausgesetzt. Die Gewalt gehe von einer rechtsradikalen Jugendbande aus, heißt es.

Die Nachricht von den Übergriffen ist in der eher wohlsituierten Kleinstadt eingeschlagen wie eine Bombe. Mit einem ökumenischen Gottesdienst, einem Schweigemarsch und einer Kundgebung wollen Großburgwedeler Bürger in dieser Woche ihre Bestürzung zeigen. Bisher waren Ausschreitungen gegen Behinderte vornehmlich aus Ostdeutschland bekanntgeworden. So wurden in Halle fünf Schüler einer Gehörlosenschule von Neonazis krankenhausreif geschlagen. In Stendal überfielen Jugendliche ein Bildungswerk des Reichsbundes und prügelten auf Behinderte ein. Und im Ostharz in der Nähe der Stadt Quedlinburg wurde ein Behindertenheim mit Steingeschossen bombardiert. „Spastis klatschen“ lautet die neue Parole des Pöbels.