In einem alten Bundesland wie Niedersachsen weht den Behinderten der Wind neuerdings ins Gesicht. Auf dem Tisch des Landesbehindertenbeauftragten Karl Finke häufen sich die Klagen. Eltern teilen ihm mit, daß ihre behinderten Kinder von Klassenfahrten ausgeschlossen werden. Beim "Tag des weißen Stockes" werden Mitglieder des Blindenvereins an ihrem Stand in der hannoverschen Innenstadt von Passanten beschimpft. Auf der Nordseeinsel Spiekeroog, die bisher als besonders behindertenfreundlich galt, hat das Landesjugendpfarramt in diesem Sommer unschöne Erfahrungen bei Behindertenseminaren gemacht: Teilnehmer wurden von Badenden vom Strand vertrieben; der Besitzer des Muschelmuseums wies barsch darauf hin, für Rollstuhlfahrer sei in seinem Haus nicht genügend Platz.

"Wie oft mußten wir in letzter Zeit mitbekommen, wie erniedrigend Behinderte behandelt werden", hat Günter Schirmer in einem Brief an seinen Arzt geschrieben. Aus Rücksicht auf seine Frau wolle er darum "den Krüppel auslöschen".

Der Selbstmord Schirmers ist für den Landesbehindertenbeauftragten, der selbst nahezu blind ist, ein Alarmsignal. "Der Staat muß endlich ein Zeichen setzen", sagt Finke. "Der Schutz der Behinderten muß Verfassungsrang erhalten."

Heinrich Thies