Von Dirk Schütz

Einmal im Jahr ist alles wie früher. Die Luxushotels am Quai du Mont-Blanc sind voll belegt, und die Juweliere und Uhrmacher klagen ausnahmsweise nicht über schleppenden Absatz. Drei Tage lang, wenn im August das Volksfest „Fêtes de Genève“ die reichen Araber wieder in die Stadt lockt, wird Genf an die guten alten Zeiten erinnert.

Das Erwachen ist um so härter. Am Morgen nach dem Schlußfeuerwerk verlassen die Gäste die Stadt, die sie in den siebziger und achtziger Jahren mit ihren Ölmillionen verwöhnt haben. Dann ist Genf wieder allein mit seiner „historischen Kulisse“, wie die Presse die gegenwärtige Malaise der Konferenzstadt tituliert hat – und damit durchaus auch sich selbst meint, denn das gemeinsame Minus der vier Genfer Tageszeitungen lag im vergangenen Jahr bei etwa zwanzig Millionen Franken. Ausdrücke wie Verfall, Niedergang oder Rückschritt beherrschen in diesem Sommer die öffentliche Diskussion des 360 OOO-Einwohner-Stadtstaates. Jahrelang war er als zwischenstaatlicher Verhandlungsort geradezu konkurrenzlos. Jetzt setzen die Sparmaßnahmen der Uno, die neben New York in Genf ihren zweiten Sitz hat, das Ende des Kalten Krieges und die Schweizer Wirtschaftskrise der Stadt zu.

„Genf hat schon viele Krisen erlebt“, sagt Jacques Mayer, Leiter des Luxushotels „Beau-Rivage“. Zusammen mit dem „Richemond“ ist es das teuerste der Stadt und zugleich das einzige der Genfer Fünf-Sterne-Hotels, das noch in Familienhand ist. Seit 127 Jahren ist das „Beau-Rivage“ den Schwankungen der Calvin-Stadt ausgesetzt. „Doch so schlimm wie jetzt war es noch nie“, berichtet der Hotelleiter.

Noch immer ist die Dichte internationaler Einrichtungen in Genf einmalig auf der Welt. Auf einem; Drittel der Fläche Hamburgs bietet die Stadt mehr als hundert internationalen Organisationen: mit etwa 25 000 Mitarbeitern Platz. Uno, Rotes Kreuz, Gatt, die Weltgesundheitsorganisation oder das Internationale Arbeitsamt sind nur die bekanntesten von ihnen. Selbst Genf-erfahrene Berichterstatter, die schon seit zehn oder fünfzehn Jahren aus der Stadt berichten, entdecken immer wieder neue Nebenstellen, Komitees oder Unterorganisationen.

Doch die Uno muß sparen. Die Mitgliedsländer der Weltorganisation sind derzeit mit Beiträgen von zwei Milliarden Dollar im Verzug. Das trifft auch den UN-Zweitsitz Genf. Immer mehr Konferenzen werden seit jüngster Zeit aus Kostengründen in der Zentrale in New York abgehalten. In Diplomatenkreisen gilt Genf schon seit langem als zu teuer. Die Mietpreise beispielsweise liegen um fünfzig Prozent über dem EG-Durchschnitt. Zudem hat der neue Generalsekretär Butros Butros-Ghali die Umstrukturierung der Vereinten Nationen zum Hauptziel seiner Amtszeit erklärt. Die Konzentration auf New York nimmt weiter zu. Ein Schlag für Genf war es, als der UN-Koordinator für humanitäre Aufgaben, Jan Eliasson, vor kurzem nach New York abgezogen wurde. Denn die Institutionen, die er vor allem zu koordinieren hat, sitzen in Genf – das Internationale Rote Kreuz und das UN-Flüchtlingskommissariat.

Auch die Bedeutung der Stadt als internationales Abrüstungszentrum schwindet. Zu Zeiten des Kalten Krieges fanden die Abrüstungsverhandlungen traditionell im neutralen Genf statt. Doch die Zeiten von weltbewegenden Salt- und Start-Verhandlungen sind vorbei. Zwar residiert heute die ständige UN-Abrüstungskonferenz noch immer in Genf. Doch als sich die Mitglieder vor kurzem nach zehnjährigen Verhandlungen auf die Abschaffung sämtlicher Chemiewaffen einigten, nahm davon kaum jemand Notiz. Und als es kürzlich darum ging, eine neue Abrüstungsinstitution, die Kontrollbehörde für chemische Waffen, nach Genf zu ziehen, fehlte die notwendige Unterstützung von Regierung und Kanton.