Von Karen Söhler

Kathem hockt auf dem Bürgersteig, nimmt eines der Taschenradios in die Hand, die vor ihm liegen, und streckt es auffordernd entgegen. Kathem stammt aus Bagdad. Vor vier Tagen ist er mit dem Bus nach Amman gekommen, die in seinem Heimatland produzierten Radios und amerikanische Zigaretten im Gepäck. Seitdem hält er seine Ware feil am Rande der König-Abdallah-Straße. Nachts schläft er hinter einem Mauervorsprung. Kathem will noch einige Tage bleiben, bis Radios und Zigaretten verkauft sind. Dann verläßt er Jordanien wieder mit gefülltem Portemonnaie, um im nächsten Monat wiederzukehren.

Viele kleine Händler aus dem Irak machen es wie Kathem. Transportunternehmer in Amman berichten von 20 000 Irakern, die täglich die Grenze überqueren. Einige wenige aus der Oberschicht genießen Amman als Ruheraum, die meisten aber kommen mit Uhrenarmbändern, Kunstblumen, Jeans, Schuhen, Schlüsselanhängern, Taschenlampen und vor allem mit Zigaretten. Das Geschäft lohnt sich, weil die Händler ihre Ware zu Hause mit entwerteten irakischen Dinar bezahlen und für relativ stabile jordanische Dinar verkaufen. Außerdem: Im Staat Saddam Husseins haben sie Schwierigkeiten, ihre Güter an den Mann zu bringen. Große Teile der Bevölkerung sind verarmt, zudem hat der Diktator kürzlich viele hundert Händler einsperren und 42 hinrichten lassen, weil sie angeblich überhöhte Preise verlangten.

Der Kleinhandel auf jordanischem Boden widerspricht nicht dem Boykott der Vereinten Nationen gegen den Irak. Auch daß bedeutendere Unternehmer aus dem Irak ihre Geschäfte über Amman abwickeln, verstößt nicht gegen die internationalen Spielregeln, auch wenn die Amerikaner die Verbindungen mit Argusaugen betrachten.

Die Jordanier hüten sich ohnehin, ihren Nachbarn im Osten zu verprellen – und zwar aus handfesten Gründen. Sie rühren nicht einmal an den irakischen Tarnfirmen, derer sich Saddam Husseins Diktatur bedient. So hat einer seiner Halbbrüder, Ibrhaim al-Tikriti, Chef des irakischen Sicherheitsapparates, ein Handelsunternehmen in Amman gegründet. Saddams Schwiegersohn Hussein Kamel soll sogar Rüstungsgüter über Amman handeln.

Der Irak hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zum wichtigsten Handelspartner Jordaniens entwickelt. Die auf dem Weltmarkt kaum wettbewerbsfähigen jordanischen Industrieprodukte gehen vor allem in den Irak, auch ein hoher Anteil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse geht nach Bagdad. Mehr noch: Saddam Hussein hat den jordanischen König Hussein stets mit finanziellen Geschenken erfreut. Anfang der achtziger Jahre überwies er sogar einmal mehr als eine Milliarde Dollar, im vergangenen Jahr waren es noch 37 Millionen Dollar. Und Jordanien deckte stets weite Teile seines Ölbedarfs mit vergünstigten Bezügen aus dem Irak.

Die Verbindung zu Hussein ist für Jordanien so wichtig, weil das Land seit dem Golfkrieg eingekesselt ist zwischen Syrien, Irak, Saudi-Arabien und dem von Israel besetzten Westjordanland. Nachdem König Hussein sich im Kampf gegen den Irak nicht den Alliierten angeschlossen hatte, wandten sich die Golfstaaten von Jordanien ab, drehten den Geldhahn zu, brachen Geschäftsbeziehungen ab und schickten die palästinensischen Gastarbeiter massenweise nach Jordanien. Inzwischen ist die Grenze nach Saudi-Arabien, die viele Monate lang für jordanische Lastwagen und damit für Lebensmittelexporte an den Golf geschlossen war, wieder etwas durchlässiger. "Von einer Normalisierung der Beziehungen kann jedoch keine Rede sein", sagt Elia C. Nuqul, der Papier und Plastik an verschiedenen Standorten im arabischen Raum verarbeitet, um nicht vom sensiblen innerarabischen Handel abhängig zu sein.