Von Wolfgang Hoffmann

Verteidigungsminister Volker Rühe bereitet eine Entscheidung vor, die ihm noch manchen Ärger bescheren wird. Im kommenden Jahr sollen die Vorbereitungen für die Serienfertigung eines neuen Aufklärungssystems mit der Bezeichnung Lapas beginnen.

Das Kürzel Lapas steht für "Luftgestütztes abstandsfähiges Primär-Aufklärungs-System", ein elektronisches Auge, mit dem die Militärs aus fünfzehn Kilometern Höhe tief ins Territorium eines potentiellen Gegners hineinblicken können; Lapas registriert Bewegungen feindlicher Truppen am Boden und gibt die Daten an Bodenstationen zur Auswertung weiter. Solche Primäraufklärung gehört zum Kriseninventar jeder modernen Armee, um die Absichten des Gegners möglichst früh und präzise vorauszusehen.

Lapas ist als deutsch-amerikanisches Projekt das Bundeswehr-Pendant zum ebenfalls luftgestützten Nato-Frühwarn- und Kontrollsystem Awacs, das vorzugsweise der Ausspähung von Flugbewegungen über gegnerischem Territorium dient. Auf deutscher Seite machen die Daimler-Benz-Tochter Deutsche Aerospace, Telefunken Systemtechnik, Elekluft und die Burkhart Grob Luft- und Raumfahrt GmbH mit, auf amerikanischer Hughes Aircraft und E-Systems. Letztere entwickelt gemeinsam mit dem bayerischen Unternehmer Grob das Trägerflugzeug für Lapas und hat als Militärelektronik-Spezialist die Systemführerschaft des Projekts. Geplante Kosten für die Bundeswehr: knapp vier Milliarden Mark (Ende 1990).

Für die Rüstungsplaner des Bonner Verteidigungsministeriums hat Lapas Priorität. Ende vergangenen Jahres erst warnte Luftwaffeninspekteur Hans-Jörg Kuebart vor einer Lücke bei der Landaufklärung und nannte die geplante Einführung von Lapas "einen wesentlichen Gewinn" für die Bundeswehr.

Davon war nicht einmal Rühes militärgläubiger Vorgänger Gerhard Stoltenberg überzeugt. Er hatte noch angeordnet, Lapas zu überdenken. Das schien mehr als angebracht, ist das System doch seit Beginn der Entwicklung auch innerhalb der Bundeswehr umstritten. So hatte das Heer stets bezweifelt, daß Lapas ähnlich wie Awacs in der Luft bewegliche Ziele am Boden orten kann. Außerdem wird angesichts der riesigen Haushaltsprobleme immer häufiger die Frage gestellt, ob sich einzelne Nato-Mitglieder bei der Aufklärung noch "eigenständige Abenteuer erlauben können" (so der frühere Brigadegeneral Karl Eduard von Kospoth).

Inzwischen ist der Beschluß von 1986, der Bundeswehr ein Aufklärungssystem mit möglichst kurzen Vorwarnzeiten zu beschaffen, durch die veränderte Bedrohungslage obsolet geworden. Zwar hat die Bundeswehr auch künftig Aufklärungsbedarf, ob dafür aber unbedingt ein eigenes System nötig ist, hängt davon ab, wie man die künftigen Verteidigungsaufgaben definiert.