Fußballbücher gibt es zuhauf. Völlig im Abseits steht bislang aber „das letzte spielerische Biotop“ des Fußballsports: die „bunten“ und wilden Ligen, die jenseits von Kommerz, Funktionärsmief und Vereinsmeierei dem Spielwitz auf dem grünen Rasen frönen. Die jetzt erschienene Aufsatzsammlung „Gib mich die Kirsche, Deutschland!“ (Klartext-Verlag, Essen, 34 Mark) porträtiert den „bunten“ Haufen der Alternativkicker, die Woche für Woche in Aachen, Köln, Freiburg oder anderswo dem Ball hinterherhecheln.

Auf dem Bolzplatz hat die links-alternative Euphorie unbeschadet überlebt. Da wird theoretisiert und psychologisiert, Frust abgearbeitet, gemeckert und gejubelt. Über die Spiellaune der dilettantischen Genies und stolpernden Tölpel schreibt Herr Thömmes, einer der Autoren: „Kicken ganz ohne Haudraufundschluß. Weil zwischen Hau und Schluß mannigfaltige Irritationen, Fehler, Widrigkeiten lauern. Oh, Anspruch und Wirklichkeit – wir kennen das auch abseits des Rasens.“

Etabliert hat sich die „bunte“ Liga Anfang der achtziger Jahre. Inzwischen gibt es in der Republik etwa 125 Mannschaften, die im kommenden Jahr zum siebten Mal die deutsche Meisterschaft unter ihresgleichen austragen. Abseits der starren Regeln des Deutschen Fußballbundes können die Teams unbegrenzt auswechseln. Auch Frauen dürfen mitspielen, was allerdings nur wenige tun.

Wer gewinnt oder verliert, ist beim Hobbyfußball nicht entscheidend, Hauptsache, es macht Spaß; Spielwitz und Fairneß sind Trumpf. Anarchistisch wie auf dem Platz dürfen sich die zumeist in „bunten“ Ligen mitspielenden Autoren auch in dem Buch nach Lust und Laune, auslassen: der hessische Umweltminister Joschka Fischer über die „fußballerische Urschreitherapie“ und Herbert Grönemeyer über seine Zeit als Vereinsspieler, in der er aufgrund der harten Zweikämpfe um sein Leben gefürchtet hat.

Ginge es rein nach dem theoretischen Vermögen, wären die zumeist studierten Alternativkicker gewiß Weltmeister, die Umsetzung der Kopfin Beinarbeit aber erreicht bestenfalls Kreisliganiveau. Dennoch beflügelt sie stets der Traum vom genialen Fallrückzieher und dem perfekten Schuß ins Dreieck. Schließlich gilt es, ihren schillernden Namen alle Ehre zu machen. Die Teams nennen sich zum Beispiel: „Herbergers Enkel“ (Bielefeld), „Roter Stern“ (Bremen), „Fortuna Unglück“ (Gelsenkirchen), „Prinzip Hoffnung“ (Köln), „Hinter Mailand“ (Freiburg) und das Aachener Team „Deutschland“.

Auf die Frage, warum sich die Elf aus der heimlichen Hauptstadt des Alternativfußballs „Deutschland“ nennt, antwortet ein Spieler: „Jede Mannschaft träumt davon, einmal Deutschland zu schlagen. Wir geben ihnen die Möglichkeit dazu.“ Andrea Hösch