Von Hans-Joachim Müller

Es ist vollbracht. Nur wenige Wandmeter noch trennen den Baron vom Paradies. Dort Tintorettos waberndes Gewölk seliger Seelen. Hier der Erfolgsrepräsentant aus dem stählernen Geschlecht der Thyssen. Dieweil die Blazerknöpfe an Hans Heinrich („Heini“) Thyssen-Bornemisza de Kaszon golden blinken, versteckt Frau Carmen („Tita“) Cervera Stand- und Spielbein im schlauchengen Kleid. So hat es kommen müssen: der Sammler der Meisterwerke abendländischer Kunst, festgehalten von einem spanischen Kunstmaler unserer Tage. „Ein sehr emotioneller Tag“, hat der Milliardär aus der Schweiz zu Protokoll gegeben, als sie ihm in der spanischen Hauptstadt sein Museum aufgeschlossen haben.

Man muß sich einmal vorstellen, im Wettstreit um eine der höchstdotierten Privatsammlungen der Welt hätte tatsächlich der Kandidat Stuttgart den Vorzug bekommen. Und zur Eröffnung wäre der Ministerpräsident im Firmenjet von Daimler-Benz gelandet, und der Bundeskanzler hätte sich wieder einmal gefährlich weit über den Tellerrand des Lebens hinausgelehnt! Nein, nur in Madrid, wo es noch echte Hofmaler gibt, hat der umworbene Kunstbesitzer neben trefflichsten Geschäftskonditionen intakte Etikette erwarten dürfen. Als der Baron 1950 die Schweizer Staatsbürgerschaft erwarb, mußte er seinen mütterlichen Adelstitel ablegen wie ein Beinkleid mit nicht weiter regulierbarer Bundweite. So grimmig sind unter alpenländischen Republikanern die Sitten. In Madrid stand der Rebaronisierung nichts im Wege. Und dank Titas unschätzbaren Beziehungen bis hinauf in die allerdurchlauchtigsten Kreise – schließlich firmierte die Dame vor Jahr und Tag als „Miss Spain“ – wurde auch das standesgemäße Stifterportrait rechtzeitig zur Inauguration des Museo Thyssen fertig. Der huldvoll Geehrte in einer knappen Dankesnotiz: „Wer kann denn so viel Großzügigkeit widerstehen?“ Man weiß, was sich geziemt.

Man kann es freilich auch so sagen: Wer wo gibt dem so viel, der ohnehin schon alles hat? Zwar soll sich auch Prinz Charles um Thyssens flottierende Bilder bemüht haben. Im Cockpit der eigenen Propellermaschine ward er auf dem Luganer See gesehen, und der Baron stand am Ufer und schickte dem Bittsteller einen milden Gruß entgegen. Aber in London neben den Schätzen der Queen, von denen die häßliche Sage geht, sie seien gänzlich unermeßlich, hätte Thyssens Kollektion womöglich Rangprobleme bekommen. Ähnliches galt für Getty im fernen, erschreckend kronenfreien Malibu. Deutschland war bald aus dem Rennen. war, genau besehen, gar nicht erst dabei. Viel zu wenig Pomp. Allenfalls hofidentische Aromastoffe. Und die Schweiz? Ach, sie ist dem Enkel aus der Gründergeneration des wirtschafts- und wehrpolitisch nicht uneinflußreichen Thyssen-Konzerns so recht nie zur Heimat geworden. Zwar hatte schon der Vater die prächtige Tessiner Sinekure-Villa „Favorita“ erworben und der Sohn dort den künstlerischen Familienbesitz öffentlich zugänglich gemacht, aber die Playboykarriere ihres vermögenden Neubürgers hat die Vollwertphantasie der Eidgenossen wenig fasziniert. Und als dann über dem steuerlich einst heiteren Landstrich dunkle Wolken fiskalischer Begehrlichkeit aufzogen, sah sich der Baron mit den beschämenden Anführungszeichen leider gezwungen, inskünftig von London aus das sauer erworben und gediegen erhaltene Vermögen zu verwalten.

Madrid bot statt dessen gleich einen Palast aus dem 18. Jahrhundert. „Villahermosa“, der Name allein eine unwiderstehliche Einladung. Schräg gegenüber vom Prado und nur zehn Minuten vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia. Ein ansehnliches Adelspalais, das Rafael Moneo in Rekordzeit zu einem ebensolchen Museum umgerüstet hat. Und klaglos gingen die spanischen Verhandlungspartner auch auf die beschränkten Leihbedingungen ein. Nicht ganz zehn Jahre sollen die Thyssen-Bilder an ihrem Platz verweilen dürfen. Nach zehn Jahren wäre laut Landesrecht ihre Wiederausfuhr blockiert oder zumindest erschwert. Der 71jährige Eigner kann freilich den endgültigen Verbleib seiner beweglichen Güter gar nicht planen. Weil die weitverästelte Verwandtschaft nicht unbeträchtliche Erbschaftsansprüche anzumelden hat.

Madrid besitzt das Vorkaufsrecht, aber ging mit dem Thyssen-Museum auf Zeit kein geringes Risiko ein. Und ein kostspieliges zudem. Neunzig Millionen Dollar für ein neunjähriges Zwischenlager. Der Vertrag wurde unterschrieben vom ehemaligen Kulturminister Jorge Semprún, der dem Prado-Chef fristlos kündigte, als er es wagte, gegen den Golfkrieg zu protestieren, aber keine Probleme sah, mit spanischen Steuergeldern die Thyssensche Erblast zu erleichtern.

Vorerst einmal sind die rund 800 Bilder auf drei Stockwerken in großzügigster Hängung zu sehen. Lugano hatte immer nur eine Auswahl vorstellen können. Und was da unter den Augen des wohl aufmerksamsten Wachpersonals der Stadt zu besichtigen ist, summiert sich zu einem unvergleichlichen Museum, das Fülle genug hat, um die Kunstentwicklung vom 13. bis ins 20. Jahrhundert bedächtig abschreiten und an Gelenkstellen auch immer wieder ausgiebig verweilen zu können. Im Ergebnis das Werk des Sammlers Hans Heinrich Thyssen und seiner Berater, auch wenn die Kollektion von der väterlichen Altmeisterleidenschaft ihre entscheidenden Konturen bekommen hat. Jedenfalls hat der junge und der älter werdende Baron den überkommenen Beständen aus den zwanziger und dreißiger Jahren Ebenbürtiges dazuerworben. Hat durch Rückkäufe in den Vierzigern die drohende Zersplitterung der Kollektion aufgehalten. Und von 1960 an mit den „Hauptschulen des 19. und 20. Jahrhunderts“ neue Sammelgebiete erschlossen.