Von Janusz Tycner

WARSCHAU. – "Polen haben Angst vor deutschen Neonazis", "Zwei Polen an brandenburgischer Autobahn ausgeraubt und krankenhausreif geschlagen", "Gewalt an deutschen Schulen. Kleine Henker mit Macheten im Ranzen". Es sind nur drei von neun ähnlichen Überschriften, die ich kürzlich an einem einzigen Tag aus den zwölf in Warschau erscheinenden Tageszeitungen herausgefischt habe.

Genauso wie in Deutschland (Autodiebe, Zigaretten- und Uranschmuggler) beleben auch in Polen Horrormeldungen über die Nachbarn jenseits von Oder und Neiße (Neonazis, Schläger, Sadisten, Polenhasser) das Zeitungsgeschäft kräftig. Dennoch wäre es maßlos übertrieben, von einer neuen Deutschlandfeindlichkeit an der Weichsel zu sprechen.

Als neulich polnische Skinheads in Nowa Huta bei Krakau einen ostdeutschen Kraftfahrer zu Tode prügelten, erschienen Hunderte von Menschen mit Blumen und brennenden Kerzen am Tatort. Die jugendlichen Gewalttäter, über die Ende Oktober gerichtet werden soll, versuchten, ihre abscheuliche Tat zu verteidigen: Die Polen müßten endlich zeigen, daß sie sich wehren können. Ein Deutscher wurde ermordet; die Öffentlichkeit reagierte einhellig mit Scham, Abscheu und Entsetzen.

Kein öffentlich gesprochenes Wort der Rechtfertigung ist zu vernehmen. Dabei ist es nicht mehr der Zweite Weltkrieg, es sind die sich in den fünf neuen Bundesländern ständig wiederholenden Übergriffe auf polnische Reisende, die heute das Verhältnis der Polen zu Deutschland am meisten belasten. Seit drei Jahren vergeht kaum eine Woche, ohne daß Polens Medien über mit Steinen beworfene Wagen, mit Fäusten und Holzknüppeln mißhandelte Landsleute berichten und das Wegsehen der ostdeutschen Polizei beklagen.

Polnische Fernfahrer, Busunternehmer, Geschäftsleute, alle die häufiger in Deutschland zu tun haben, reisen immer noch entweder in die "DDR" oder in die "Bundesrepublik". Oft heißt es: "Um Gottes willen, bloß nicht in der DDR anhalten. Den ersten Stopp machen wir erst bei Braunschweig." Autokonvois formieren sich an der Grenze, um heil durch ostdeutsches "Feindesland" zu gelangen, das rettende Ufer der alten Bundesrepublik zu erreichen.

Glaubt man den Boulevardblättern in beiden Ländern, so steht eine Nation von Autodieben einem Volk von (ostdeutschen) Nazis gegenüber. Beides ist natürlich Unsinn. Ich zum Beispiel, obwohl ab und zu in Deutschland zu Gast, habe noch kein Auto geklaut. Aber die oft maßlos übertriebene Berichterstattung schürt natürlich in Polen alte Ängste und in Deutschland alte Vorurteile.