Mit der Intelligenz ist das so eine Sache. Manch einer ist schon froh, wenn er das kleine Einmaleins auswendig kann, andere dagegen haben das große Latinum. Unsereiner gehört ja eher zur ersten Kategorie. Traurig, aber wahr. Denn mittlerweile können wir nicht mal mehr Eisenbahn fahren, ohne schmerzhaft an die Grenzen unseres Wissens zu stoßen.

Wie sich inzwischen herumgesprochen haben wird, schmückt die Bundesbahn ihre ICs, ICEs und auch ECs mit Namen bedeutender verstorbener Personen. An sich nicht schlecht, es hört sich irgendwie gut an, wenn man sagt: „Ich fahre mit Beethoven nach Berlin“ oder: „Nach Westerland nehm’ ich den Emil Nolde.“ Bei diesen Namen gibt es sogar noch einen erfreulichen Nebeneffekt: Wir kennen die Leute.

Das wär’s dann aber auch schon. Gesetzt den Fall, wir wählten die Route, auf der Ludwig Quidde verkehrt – aus, vorbei. Ludwig – wer? Ein Härtefall ist auch der zwischen Berlin und Wiesbaden verkehrende Adolph von Menzel. Aber Grübeln nützt da nichts. Man muß schon im Lexikon nachschlagen, und das ist umständlich. Vergessen wir also die beiden und nehmen nächstes Mal eine andere Strecke.

Soviel zu unseren Bildungslücken. Doch glücklicherweise sind wir damit nicht mehr alleine. Wir haben jetzt einen Verbündeten, und der ist Zugführer bei der Deutschen Bundesbahn. Ein äußerst mutiger Mann übrigens, einer, der offen zugibt, daß man nun wirklich nicht alles wissen kann. Zu dieser erfreulichen Information verhalf uns vor kurzem jemand, der auf dem Weg von Frankfurt nach Hamburg ein – bei der Bundesbahn ja eher selten – richtig nettes Erlebnis hatte, und zwar in einem ICE namens Hannah Ahrendt.

Besagter Lokomotivführer machte sich den Reisenden mit den denkwürdigen Worten bekannt: „Ich begrüße Sie an Bord des InterCityExpress Hannah Arendt – wer immer das auch war – und wünsche Ihnen eine gute Fahrt.“

Ehrlich, wir könnten den Mann knuddeln. Welch ein Selbstbewußtsein, vor all den Leuten zuzugeben, daß er nicht weiß, wer Hannah Ahrendt war. Wir jedenfalls hätten uns das nicht getraut, und wir kennen Hannah Ahrendt auch nicht. Aber wir erfahren’s gleich. Der Zugführer hat nämlich recherchiert, und zwar bei einem offenbar besser informierten Kollegen. Dessen Antwort wurde umgehend an die sicher schon gespannt lauernden Passagiere weitergegeben: „Hannah Ahrendt war eine Dichterin.“ Später, kurz vor Kassel, konnte das sogar noch präzisiert werden: „Übrigens“, sprach der Bahnbeamte, „habe ich inzwischen erfahren – Hannah Ahrendt war eine Philosophin.“

Fabelhafte Geschichte. Nicht nur, daß wir hier einen der seltenen Fälle haben, in denen die Bundesbahn mal mit exakten Informationen rüberkommt. Uns hat die Sache außerdem auf eine Idee gebracht. Wie wäre es, wenn fortan alle Lokführer Aufklärungsarbeit leisteten und uns Unwissende einweihten in die Geheimnisse so manch eines Zugnamens? Eine Art Bildungsurlaub auf der Schiene quasi? Irgendwie ganz konstruktiv, der Vorschlag, oder? Bleibt nun nur zu hoffen, daß er auch aufgegriffen wird. Bis dahin jedoch müssen wir leider weiterhin dumme Fragen stellen: Wer war Mark Brandenburg?

Brigitte Wolter