Von Frank Drieschner

Angela ist krank. Wer krank ist, gehört ins Bett, aber Angela geht auf die Straße. Wer von alleine nicht gesund wird, sollte zum Arzt gehen, aber Angela geht auf den Strich. Sie braucht Heroin.

In Hamburg, ergab eine Umfrage des Hartmann-Bundes, plädiert fast jeder zweite Arzt für die Freigabe von Heroin als Medikament zur Behandlung Suchtkranker. In Bremen, Angelas Wohnort, beschloß die Landesregierung in der vergangenen Woche, an drogenabhängigen Huren ein neues Rezept auszuprobieren: Vom ersten November an sollen sie an der Ausübung ihres Berufes gehindert werden.

Mitten in Bremen liegen die Stadtteile Oster- und Steintor, genannt "das Viertel": Boutiquen, Buch- und Bioläden. Hier sind die Grünen die stärkste Partei, hier gibt es pro Einwohner mehr toz-Abonnements als irgendwo sonst in Deutschland. Selbst ein gewöhnlicher Supermarkt führt hier mehr als dreißig Sorten Biowein.

In letzter Zeit ist viel über das Viertel berichtet worden: über die Junkies, die dort zwischen den schmucken, stuckverzierten Häuschen liegen oder sich, da man sie aus den Parks vertrieben hat, auf offener Straße Heroin in die geschundenen Körper spritzen, wo immer sie noch halbwegs intakte Venen aufweisen: in den Hals, den Mund, den Penis. Und die Zeitungen schrieben über den wachsenden Zorn der alternativen Viertelbewohner, die nun "faschistoide Gefühle" entwickelten (taz), denen "die eigene Toleranz nicht mehr geheuer" sei (ZEITmagazin).

Mitten im Viertel liegt die Friesenstraße, der Drogenstrich: eine schmale Einbahnstraße mit Kopfsteinpflaster, die an einem kleinen Marktplatz endet. Hier wartet Angela jeden Tag vom Mittag bis zum frühen Abend auf Kunden.

Alltag einer drogenabhängigen Prostituierten: "Ich steh’ immer gegen elf auf und mache mir meinen Morgendruck, daß ich so langsam wieder fit werde. Dann wasche ich mich, ziehe mich an, packe meine Tasche (Schminke, Spritzen, Gummis, Papiere, zwanzig Mark fürs Mittagessen). Ich esse etwas am Imbiß und stelle mich da so gegen halb zwei hin."