DORTMUND. – Schon an der Haustür des Hochhauses am Dortmunder Rheinlanddamm bemerkt man, daß dies ein Gebäude ist, das auch für Behinderte eingerichtet ist. Die Klingeln und Namensschilder sind so tief angebracht, daß man sich bücken muß, wenn man nicht im Rollstuhl sitzt. Der Eingang ist ebenerdig, der gerade Flur führt auf einen Aufzug mit extra breiten Türen. Im fünften Stock wohnt Johannes Duhme, 34 Jahre alt. Seit neun Jahren ist er querschnittgelähmt.

Um mit dem Rollstuhl nicht wenden zu müssen, empfängt er den Besucher mit dem Rücken zur Wohnungstür. „Ich muß erst mal ’n Schluck Zaubertrank trinken“, sagt er und rollt in die Küche. Mit einer Flasche Bier kehrt er zurück und bittet ins Wohnzimmer. Er entschuldigt sich, daß es hier so unordentlich aussehe. Er sei eigentlich ein ordentlicher Mensch, aber in seiner Situation könne er ja keine Hausarbeit verrichten. „Die Fenster sind seit anderthalb Jahren nicht mehr geputzt worden“, sagt er. Kater Joey läuft miauend durchs Zimmer. „Miau, miau, miau! Halt ’s Maul, Joey!“ ruft Duhme.

Johannes Duhme ist Opfer eines Verkehrsunfalles. Das letzte, woran er sich erinnern könne, sei, daß er ziemlich betrunken aus einer Kneipe gekommen sei, sagt Duhme. Eine wilde Zeit sei das damals gewesen. Als Punker habe er viel „gesoffen“ und sei oft „rumgeflippt“. An jenem Abend muß er auf der Straße zusammengebrochen sein. Ausgerechnet an dieser Stelle war die Straßenlaterne ausgefallen, so daß es dort sehr dunkel war. Ein Auto überfuhr ihn. „Richtig aufgewacht bin ich erst wieder 1984“, sagt er. Vom siebten Halswirbel abwärts ist Duhme seitdem gelähmt, und sein Körper ist voller Narben. Sogar die Atmung funktionierte zeitweise nicht mehr selbsttätig, so daß ein Luftröhrenschnitt vorgenommen werden mußte. Mittlerweile kann er den Oberkörper, Arme und Hände wieder ein bißchen bewegen. Am Unfall wurde ihm eine Mitschuld von vierzig Prozent zugewiesen; im selben Maß wurden daher auch das Schmerzensgeld und die Schadensersatzleistung von der Versicherung des Autofahrers gekürzt: 280 000 Mark wurden Duhme ausbezahlt.

Damit sollten „entgangene Lebensfreude“ (Schmerzensgeld) sowie der Verdienstausfall eines vierzigjährigen Arbeitslebens – Duhme war Schlosser von Beruf – abgegolten sein. Zu spät dämmerte es Duhme, daß 280 000 Mark dafür doch etwas wenig seien. Per Klage wollte er die Versicherung zwingen, nachzuzahlen. Doch die Klage wurde nicht zugelassen: Duhme hatte gegenüber der Versicherung zuvor schriftlich erklärt, daß „sämtliche Ansprüche abgegolten“ seien. Als verhängnisvoll hat sich zudem erwiesen, daß es keine Vereinbarung darüber gibt, in welchem Verhältnis das Geld aufgeteilt ist: Wieviel davon ist Schmerzensgeld, wieviel Schadensersatz? Duhme ist der Auffassung, 180 000 Mark seien Schmerzensgeld, der Rest Schadensersatz – entsprechend den zwei Raten, in denen ihm das Geld gezahlt wurde.

Bereits 1987 waren 100 000 Mark aufgezehrt. Allein der Zivildienstleistende, der ihn anfangs acht Stunden am Tag betreute, kostete 1650 Mark im Monat. Hinzu kommt die Miete für die Wohnung von 950 Mark. Duhmes Berufsunfähigkeitsrente – derzeit 1336 Mark – reichte nicht aus; er mußte das Geld von der Versicherung mit verbrauchen. Als nur noch jene 180 000 Mark übrig waren, die er als Schmerzensgeldanteil betrachtet und die daher nicht als Vermögen angerechnet werden dürften, bat er das Sozialamt um Pflegegeld.

„Die persönlichen Voraussetzungen zur Gewährung des Höchstpflegegeldes“ seien zwar erfüllt, urteilte die Behörde, aber was das Geld der Versicherung angehe, meint das Sozialamt, setze es sich gerade umgekehrt zusammen: 180 000 Mark Schadensersatz und nur 100 000 Mark Schmerzensgeld. Also verfüge Duhme noch immer über „zu verwertendes Restvermögen“ und könne kein Pflegegeld beanspruchen. Endgültig ist über den inzwischen fünf Jahre alten Antrag noch nicht entschieden: Zur Zeit liegt er als Klage beim Verwaltungsgericht.

Unterdessen schmolz Duhmes Geld dahin – vor allem seit zwei sogenannte Freunde, Reiner L. und Hans-Georg M., sich seiner annahmen. Diese Kombination, hilflos und vermögend, meint Duhmes Anwältin Sabine Thomas, ziehe „Freunde“ geradezu magisch an. Um rund 80 000 Mark hat Reiner L. Duhme erleichtert; den größten Teil hob er mit Duhmes Scheckkarte an Geldautomaten ab.