Neulich, im InterCityExpress von München nach Frankfurt am Main, faßte unser Freund, Herr Behringer, einen plötzlichen, schrecklichen Entschluß. Er sprang aus seinem ICE-Sessel, durchquerte hastig mehrere wie immer überfüllte ICE-Waggons, erreichte schließlich den Barwagen, rempelte noch schnell ein paar erheiterte, erhitzte Biertrinker zur Seite, warf sechs deutsche Mark auf den Tresen, dann noch fünfzig Pfennige – und es war geschehen.

Nun besaß Herr B., was er niemals zu besitzen wünschte: einen nagelneuen, federleichten ICE-Kopfhörer. In seinen Großraumwagen zurückgekehrt, blickte B. sich um: auf jedem Platz ein Reisender, auf jedem Reisenden ein Kopf, auf jedem Kopf ein Kopfhörer. Herr B. war der letzte gewesen – nun war auch sein Widerstand gebrochen. Er sank in seinen ICE-Sessel, stülpte sich den Kopfhörer aufs schüttere Haupt und nahm sogleich das „Klassik-Menü“ zu sich. Ein Häppchen Mozart, ein Bröckchen Beethoven, ein Krümelchen Schubert. Tschaikowsky als Sauce, Chopin als Sorbet.

Es war schaudervoll, höchst schaudervoll. Aber immer noch besser, dachte B., als der krächzenden Kakophonie zu lauschen, die aus den Kopfhörern der lieben Mitreisenden drang.

Mit den Kopfhörern ist es wie mit den Nashörnern in Ionescos Stück: Erst hat einer ein Horn, dann zwei, dann alle. Der letzte, dem es aus dem Kopfe wächst, ist der traurige Held des Dramas, sein Name: Herr Behringer.

Früher konnte man in den Zügen die Fenster öffnen. Ein Sonnenstrahl konnte ins Abteil dringen oder ein Wirbel Schneeflocken. An den Bahnstationen konnte man Kirschkerne hinausspucken oder ein Schwätzchen mit dem Fahrdienstleiter riskieren.

Früher konnte man in der Eisenbahn lesen. Darüber, wie man noch früher als früher in der Eisenbahn reiste. Da konnte es (wie in Tolstojs „Kreutzersonate“) passieren, daß ein finsterer Herr das Abteil betrat und einem erzählte, wie er seine Frau erst liebte, dann haßte, dann haßliebte, schließlich eifersuchtstoll ermordete.

Vorbei. Heute herrscht der ICE-Mensch über das Leben und die Eisenbahn. Vollverkabelt, klimatisiert, rundumbeschallt. Ein glücklicher Idiot, aus allen Finsternissen gerettet.

Das Leben, sagt der Derwisch, ist eine Reise. Aber das Reisen ist kein Leben mehr. Finis