Wir nähern uns Laramie New Mexico. Die Straße ist ein langer Strich, die Erde rot und glühend, der Horizont ein blaßblaues Gewölbe. Stromleitungen ragen in den Himmel. Ab und zu taucht am Bildrand ein Highway-Track auf, erstarrt für eine Weile und schießt vorüber. Es ist eine seltsame Fahrt, seilos, aber nicht eintönig. Man wird sanft hin- und hergeworfen, dämmert von links nach rechts und entdeckt nichts Besonderes. Dabei ist man ganz unbemerkt am Ziel seiner Träume angekommen: in Laramie, New Mexico.

"Alles zieht vorüber", sagt Trudi (lone Skye) und meint die armselige Wüstenstadt. Sie kommen und gehen, all ihre fragwürdigen Männerhelden. Trudi ist verzweifelt, Nora ist erleichtert. Nora ist im Grunde wie Trudi. Nur ist sie Trudis Mutter und viele Jahre älter.

Wer in Laramie lebt, ist sich selbst und anderen hilflos ausgeliefert. Man ist sich nah, verschweigt einander nichts, spricht alles aus, "Gas Food Lodging" ist eine einzige ohnmächtige Lebensgeschichte, erzählt in einem engen Wohncontainer, "Wir Frauen sind einsam", sagt Nora

(Brooks Adams). "Das ist eben das Lebensgefühl der Neunziger." Nora ist Kellnerin, und Trudi wird auch bald eine sein, Nora hat zwei Töchter, Trudi und Shade, aber keinen Mann dazu. Da wird Trudi schwanger.

Alles wiederholt sich, ist zwangsläufig und miteinander verwoben, ereignet sich und vergeht. Immer die gleichen Landschaffen und Farben (Kamera: Dean Lent) die gleichen Geräusche von Mensehen, Motoren und Insekten, Dennoch ist den beiden streitbaren Frauen, Trudi und Nora, etwas Wichtiges entgangen. Ihre Lebensreise ist längst zu Ende. Aber nur Shade (Fairuza Balk) ahnt davon etwas,

Allison Anders hat einen Film über sich selbst gewagt: ein unverwechselbares independent movie. Ihr früheres Leben war eine Katastrophe. Sie hatte weder Schulabschluß noch einen Vater, war vergewaltigt und darüber geisteskrank geworden. Dann lernte sie Wim Wenders kennen und wich eine Zeitlang nicht von seiner Seite. Bei "Paris Texas" begleitete sie den Hauptdarsteller Harry Dean Staaten und schrieb emsig Tagebuch. Nun, mit 37 Jahren, ist ihr ein beeindruckendes Spielfilmdebüt gelungen. Es handelt von drei Frauen und der Wüste und wird von einem "bizarren Optimismus" (Allison Anders) getragen, einer erdrückenden Nähe, die trotz allem etwas von der Weite spürt, die sie umgibt.

Es gibt wunderbare Fluchtpunkte in diesem Film, menschenleere Orte, die ein ganzes Frauenleben verändern können. Das mag ein dunkles Kino sein, wo in alten Melodramen spanische Tränen fließen und Shade den heißen Nachmittag verbringt. Oder eine Höhle mit grauen Steinen darin: Wenn man sie unter einem besonderen Licht ansieht, leuchten sie eigentümlich, wie die Wüste, zu der sie gehören. Es ist das Licht, sonst nichts.

So fügt sich alles zusammen, findet eine Erklärung und wird endlich rätselhaft. Shade weiß es, Trudi nicht. Die eine wird glücklich sein, die andere an ihrem Glück zugrunde gehen. "Es ist eine einzige Geste", sagt Shade. "Vielleicht werde ich es Trudi erzählen." Wahrscheinlich aber nicht. Ulrich Herrmann