Von Ursula März

Demokratien geht bisweilen die monarchische Familie ab: Der nobilitierte Clan, in dem das Genealogische alles und das Individuelle wenig bedeutet und selbst der Tunichtgut im dritten Grad der Verwandtschaft noch wer ist, nur weil er dazugehören wurde.

Nun ist, seit es Fernsehen gibt, an Ersatzfamilien keine Not und war in Deutschland auch schon vorher nicht. Es gab, in nahezu idealer Rollenverteilung, das wirtschaftsstarke und das künstlerische, das nationale und das liberale, das mitmachende und das exilierte Deutschland repräsentierend: die Krupps, die Wagners und die Manns.

Das Talent zur Majestät hat Thomas Mann sich nachträglich selbst in die Wiege gelegt. Er spielte in der Jugend gern Prinz und später gern Kaiser. "Ich erwachte zum Beispiel eines Morgens mit dem Entschluß, heute ein achtzehnjähriger Prinz namens Karl zu sein. Ich kleidete mich in eine gewisse liebenswürdige Hoheit ... und ging umher, stolz und glücklich in dem Geheimnis meiner Würde."

Nun ist dem Kaiser, seit seine Tagebücher erschienen, schon mancher Zacken aus der Krone gefallen. Marianne Krüll aber holt endgültig die ganze Sippe Mann vom Thron und steckt sie in die Psychologie. Die allein aber macht aus jedem und jeder Familie: Durchschnitt. Ohne Legende und Literaturwissenschaft einerseits und ohne Aufwertung zum historischen Musterfall andererseits bleibt von den Manns soviel wie von jeder Serienfamilie: ein Häuflein Neurosen, eine Menge Verdrängung, Drogensucht, verdeckte Homosexualität, Leiden am Vaterkaiser, Leiden am Liebesmangel, familiärer Todestrieb.

Das Buch mit dem Titel "Im Netz der Zauberer" enthält ein detektivisches Psychogramm, das über fünf Generationen reicht – und sich selbst genügt. Marianne Krüll tritt dabei in der Rolle der Ermittlerin auf. Es gibt ein Hauptopfer: Klaus Mann. Es gibt Nebenopfer: Carla und Julia Mann, Schwestern von Thomas und Heinrich, die sich ebenfalls umbrachten. An einer Überdosis von Barbituraten und Alkohol starb in der Neujahrsnacht 1976/77 auch Michael Mann, der jüngste Sohn von Thomas Mann.

Es gibt Täter: die jeweiligen Väter der Generationen. Und es gibt ein Delikt. Dieses aber paßt weniger in eine Studie des 20. Jahrhunderts als in einen Schuld- und Schicksalsroman des vorletzten. Es heißt: Verwünschung, Verfluchung aus dem Jenseits gar.