Von Georg Blume

Mit 43 Jahren ist Atsushi Yamashita endlich ein glücklicher Familienvater. Zum erstenmal in seiner Laufbahn hat er dreißig Tage Urlaub erhalten. Fast fünfzehn Jahre lang opferte sich der Supermarktmanager Yamashita bereitwillig für Japans zweitgrößte Warenhauskette Jusco auf. Doch vegessen sind derzeit all diese Mühen – heute erntet Filialleiter Yamashita den längst verdienten Lohn seiner Arbeit.

"Zehn Tage lang kümmere ich mich mit der Familie um Haus und Garten", strahlte Yamashita an seinem letzten Arbeitstag. "Dann gehen wir mit unseren drei Kindern auf Camping-Tour durch die japanischen Alpen. Die letzte Woche halte ich mir zum Lesen frei."

Eine derart großzügige Urlaubsplanung wäre einem japanischen Supermarktangestellten vor wenigen Jahren noch unvorstellbar erschienen. Doch heute ist Familienvater Yamashita nicht allein mit seinem Glück. Immerhin zwei Wochen lang war Tokio in diesem Sommer so still wie Paris im August. Die Weltfirma Canon schloß sogar für volle sechzehn Tage alle öffentlichen Büros und Kassen. Und Premierminister Kiichi Miyazawa gab der Nation ein Beispiel, als er sich inmitten der schwersten Börsenkrise seit Kriegsende zwanzig Tage zum Sommerurlaub in die Berge zurückzog.

Der jüngste japanische Ferienboom läßt alte Vermutungen wieder aktuell erscheinen: Ist der Arbeitsstaat Nippon auf dem Weg in die Freizeitgesellschaft? Gehen die Japaner, wie Schriftsteller Peter Handke findet, das "müdeste Volk der Welt", endlich auf Distanz zu ihrer schon legendären Arbeitsdisziplin und entdecken neue Werte: Naturfreude, Müßiggang und Familientreue? Man braucht in Tokio nur in einem der zahlreichen westlichen Cafés zu sitzen, um zu begreifen, daß sich die Gesellschaft im Umbruch befindet: Zwischen alternden Bürovorstehern in ausgetragenen Anzügen drängen sich frisch frisierte Managertypen in jugendlicher Eleganz; den alten Damen im Trippelschritt des Kimono folgen junge Frauen im selbstbewußten Gang neuer Professionalität. Nirgendwo ist der Lebenswandel zwischen den Generationen so offenkundig wie in der jungen Welthauptstadt Tokio.

Dieser Augenschein hat viele westliche Besucher zu der Hoffnung verleitet, daß es um die Zukunft der japanischen Arbeitsmoral schlecht bestellt sei. Schon seit Jahren warten europäische und amerikanische Unternehmen auf den Tag, da die japanische Konkurrenz ihrer Arbeiterschaft endlich gewähren muß, was an Freizeit und Sozialleistungen anderswo längst üblich ist. Denn von der Steigerung der Lohn- und Arbeitskosten in Japan verspricht sich der Westen größere Chancengleichheit im internationalen Wettbewerb.

Schon glauben auch viele Japaner an eine neue Wohlstandsgesellschaft. "Die Entwicklung ist nicht mehr rückgängig zu machen", meint die vierzigjährige Kuniko Inoguchi, Professorin an der renommierten Sophia-Universität. Inoguchi räumt zwar ein, daß Japan auf vielen Gebieten an asiatisch-konfuzianistischen Grundwerten festhalte. "Doch was die sozialen Werte betrifft", sagt Inoguchi, "gibt es für Japan nur den Westen als Modell. Mit dem übrigen Asien kann Japan in seiner sozialen Entwicklung keinen Schritt mehr gemeinsam tun."