Wer für diese Zeit eine Erklärung hat, ist verdächtig. Wir erleben eine bis zur Denkhemmung irritierende Zeit. Doch möchte ich fragen: Was haben die friedliche Revolution in der DDR, der Zerfall der Sowjetunion, das jugoslawische Drama, die Reformation der Bundeswehr und der Nato sowie das billigende Zuschauen, die passive Mittäterschaft einer dumpfen Mehrheit angesichts brutaler Ausschreitungen gegen die Menschenrechte in Deutschland miteinander zu tun? Meine Antwort: Dies sind Symptome eines neuartigen Phänomens — des ser Staat, eher ein Staat auf der Suche nach dem verlorenen Feind.

Der deutsche Verteidigungsminister Volker Ruhe hat vor kurzem gesagt: "Deutschland ist von Freunden umzingelt Umzingelt trifft hervorragend, weil ein Land — entstanden aus der alten BRD und der DDR, die beide auf Feindbildern im Ost West Gegensatz aufgebaut worden sind — diese neue Feindlosigkeit als tiefe Verunsicherung erfahren muß. Moskau will in die Nato eintreten. Die Volksarmee tut bei der Bundeswehr Dienst. Kommunisten verkünden den Kapitalismus. Sicher, gleichzeitig schockieren Nachrichten von Bürgerkriegen, frei herumvagabundierenden Atomwaffen, von Heeren ohne Staaten, Neustaaten mit unklaren Grenzen, die Heere zwischen sich aufteilen. Aber dies sind die Folgen des Zusammenbruchs einer Weltordnung. Diese tiefen Beunruhigungen können nicht verdecken: Mindestens Westeuropa steht im Äußeren ohne Feinde da. Das ist historisch beispiellos.

Alle Staaten führten, wie der britische Soziologe Michael Mann nachgerechnet hat, im Schnitt in der Hälfte ihrer Zeit Krieg. Die Spannweite liegt zwischen einem Drittel (Preußen) und zwei Dritteln (Spanien von 1476 an). Das 18. Jahrhundert war außerordentlich kriegerisch, das 19. Jahrhundert ungewöhnlich friedlich. Das 20. übertrifft an Kriegsgreuel alle vorangegangenen Jahrhunderte. Und nun dieser Größte Anzunehmende Glücksfall: die Entstehung des feindlosen Staates in Europa. Welche Widersprüche brechen mit diesem abrupten Übergang von der Frontstaaten- zur feindlosen Demokratie hervor? Drei Theorien stecken den Horizont ab:

Diese besagt: Die friedliche Eroberung der Weltmärkte ist allen anderen Eroberungen überlegen. Früher eroberten die kriegerischen Völker die handeltreibenden, heute ist es umgekehrt. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ist das jüngste Beispiel.

Dagegen verweisen zweitens Theorien des miliKrieg und Welthandel bis in die Gegenwart. Die Industrie hat vom Krieg profitiert und der Krieg von der Industrie. Die Weltkriege brachen bekanntlich zwischen hochentwickelten Industriestaaten aus. Und die sogenannten kriegerischen Staaten des Mittelalters waren geradezu friedlich, wenn man den horrenden Militäretat in den — wie Schumpeter sagt — "essentiell unkriegerischen" Staaten der Moderne zum Maßstab nimmt. Doch diese weitverbreitete Theorie, daß Krieg, Militär, Aufrüstung integrale Notwendigkeit des Kapitalismus sind, übersieht, was Martin Shaw den militärischen Sozialismus, den "Sozialismus des totalen Krieges" nennt: Die Sowjetunion und Osteuropa sind wesentlich in der Folge des Ersten und Zweiten Weltkrieges kommunistisch geworden, nicht etwa (wie die Marxsche Theorie vermuten ließ) durch die Industrialisierung in den einzelnen Ländern. Die Waffe und nicht das Argument, der Soldat und nicht der Proletarier haben den Sieg des Realsozialismus begründet. Ich möchte drittens die Theorie der militärisch Argumente aus beiden, aber relativiert und verknüpft sie. Dazu vorweg drei Thesen:

(1) Demokratisierung und Militarisierung erfolgen im 19. Jahrhundert in etwa parallel. Feindbilder integrieren gerade auch die moderne Gesellschaft, begrenzen die Demokratie und ermächtigen staatliches Handeln.

(2) Der Kalte Krieg war ein System der Denationalisierung der Nationalstaaten. Die atomare Hochrüstung ermöglichte eine Entmilitarisierung der Gesellschaft.