Worte und Wendungen büßen aufgrund von Überbenutzung ihre Fähigkeit ein, weiterhin guten Gewissens verwendet zu werden – der Gedankenstrich geht relativ resistent aus solchem Ausverkauf hervor. Selbst „Die Heringswirtschaft – heute und gestern“ oder: „OMO – keiner wäscht reiner“, alles prallt am Gedankenstrich ab, sobald dieser zur Schaltstelle umschlagenden Windes wird; zur Narbe eines kontrollierten Bruchs innerhalb der Gedankenführung; zur Ligatur auseinanderdriftenden Kontexts, wobei 1 cm die 8 m vollgültig vertritt, die vom Hund aus der FLEXI 8 des Herrchens hervorgezerrt werden; zur Zerreißprobe des Expanders, der die Hälften des zurückfedernden Gesamtvolumens auseinanderhält. Dann wieder schwingt sich ein Gedankenstrich durchaus bis zu echt hamletischem Zaudern auf, wenn nicht gar zum Raptus, in welchem Meister Eckhart, eingeklemmt zwischen zwei Glockenschlägen, jahrhundertelang versinken kann.

Einer der tiefsinnigsten und unverzichtbarsten Gedankenstriche findet sich in einem Vers von Peter Rühmkorf: „Vor uns das Meer – und hinter uns die Waschmaschine.“ Hier wird der Gedankenstrich zur Fläche des Meeres, wir laufen drauf zu oder gleiten meditativ auf dieser ausgezogenen Fläche dahin, aber da ist der Gedankenstrich schon zu Ende. Und statt weiterhin in Richtung Horizont zu segeln, hat der Autor den Kopf dermaßen unverhofft zurückgeworfen, daß auch ich als Leser ihn nicht mehr stur gradaus halten kann – auch ich werf’ ihn zurück ins längst Überwundene und trotzdem nicht Wegdenkbare, da steht sie auf dem Strand, die Waschmaschine, die Erde hat mich wieder, und in der Trommel dreht sich meine eben noch in nonverbaler Seligkeit abgeworfene Wäsche, und ein Tropfen des ewigen Ozeans sorgt für arielgeschwängertes Waschwasser, und zähnefletschend suhle ich mich irreparabel in diesem Rückfall aus Kosmischem ins Lächerliche. Andererseits weiß ich, daß das Totschweigen der ewigen Waschmaschine nichts geholfen hätte: Wenn der Vers bloß lauten würde: „Vor uns das Meer – und hinter uns Äonen!“ oder: „Vor uns das Meer – und Segelschiffe und Gelächter“, dann wäre das ästhetisch nicht zu retten – Waschmaschine und Meer gehören zusammen wie der Wind und das Meer, von dir mich zu trennen, ja, das fällt mir so schwer. Das Meer solo wäre bloß ein kitschiges Aufatmen – ohne Ernüchterung innerhalb von Kunst keine Kunst. Der Gedankenstrich bindet Verheißung und Realität so aneinander, wie die schaumgeborene Venus, die bei Rilke – keiner reimt reiner – aus dem Meer steigt, an den toten blutenden Buckelwal gebunden wird, den eine letzte Welle der entschreitenden Venus hinterherwirft, getreu dem Schema: erst die Schaumgeburt, dann die Nachgeburt, und ohne Gedankenstrich oder Nabelschnur hängt beides nur halb so zusammengehörig aneinander.

Doch Rühmkorf war der erste nicht, der das Mysterium des Gedankenstrichs ausbeutete. Schon bei Schmidt (Arno) wurde der Gedankenstrich zwar nicht gleich zum Meer, wohl aber während einer Bootsfahrt auf dem Dümmer zu typographischer Imitation eines Wasserspiegels benutzt, und zwar so: „,Im Boot, Du? Einfach irgendwo ins Schilf fahren?!‘. Sie hob nüchtern den Kopf und sah um: – ‚Nee. Geht nich. Wackelt auch zu sehr.‘“ Also auch hier geht die Verheißung – Coitus unter freiem Himmel im Boot – dem Dementi voran: Ein Gedankenstrich, der verwackelt, wird zum Circa-Zeichen.

Nicht nur zur Veranschaulichung relativer Unendlichkeiten eignet sich der unauslotbare Gedankenstrich – er kann sogar die Sätze derer retten, die ihn gedankenlos verwenden. Hier ein Beispiel aus Rothmanns „Stier“, S. 119: „Er griff sich an den Mund – zog aber nur ein Haar hervor.“ Während der Autor den Gedankenstrich einsetzt, um die Sekunde zwischen Griff an den Mund und Hervorziehn des Haars zu bezeichnen, wie man das halt so macht, erblicke ich mittels spendabler Überinterpretation in diesem Gedankenstrich das ideale Zeichen für das Haar, das zwischen Hand und Mund langgezogen wird, und gebe so der Textstelle eine Bedeutung, die sie ab sofort durchaus besitzt.

Kleines unverhofftes PS: Soeben prüfe ich das Rühmkorfzitat nach und muß konstatieren, daß es ganz anders lautet:

Vor uns das Meer und hinter uns die Waschmaschine.

Weit und breit kein Gedankenstrich, es sei denn, man interpretiere den Moment, in welchem das Auge mitten im Enjambement eine Zeile tiefer geht, funktionell als eine Art Gedankenstrich, der dann allerdings keine Unendlichkeit mehr ausrollt, statt dessen ragt das „uns“ überbetont in den Raum hinein, obwohl sich das kollektive Subjekt zu diesem Zeitpunkt bereits langsam umgedreht haben müßte; die Waschmaschine rückt als Knalleffekt ins Blickfeld; es kommt durch diese Zäsur eine leichte, unnötige Aufdringlichkeit in die Stelle, anders gesagt: Ich habe mich an meinen unbewußt interpolierten Gedankenstrich derart gewöhnt, daß ich ihn kaum noch wegdenken kann. Für mich sitzt er nach wie vor exakt dort, wo er offiziell bis dato noch lange nicht sitzt, voraussichtlich nicht mal in der Ausgabe letzter Hand.