Tokio

Wer wollte, konnte die vergangenen Tage als ein Vorspiel auf das kommende Jahrhundert betrachten: In Peking feierte der Kongreß der Kommunistischen Partei die Reform- und Öffnungspolitik Deng Xiaopings in der Hoffnung auf ein neues asiatisches Wirtschaftswunder. Derweil probte die Regierung in Tokio den eigenen Untergang: Inmitten eines Korruptionsskandals mußte Shin Kanemaru, der Fraktionschef der regierenden Liberaldemokraten und bislang mächtigste Mann unter der aufgehenden Sonne, sämtliche politischen Ämter niederlegen.

Waren das also die Vorboten einer Entwicklung, an deren Ende das aufblühende China über das verdorbene Japan triumphieren würde?

Der geordnete Aufbruch in China und Nippons politisches Chaos stellen für Weltökonomen, Zukunftsforscher und Auguren jedweder Art längst die zwei Seiten einer Medaille dar: China und nicht Japan, so sagen diese Vordenker, sei der aufgehende Stern des nächsten Jahrhunderts. Schon heute weist das Riesenreich ein Wirtschaftswachstum von vierzehn Prozent aus. Hält jener Trend an, der für 1,2 Milliarden Menschen bescheidenen Wohlstand verspricht, dann könnte auf dem asiatischen Festland innerhalb einer Generation eine Volkswirtschaft größer als jene Amerikas entstehen.

Doch man muß nicht so weit in die Zukunft schauen, um die Brisanz des japanisch-chinesischen Verhältnisses zu erkennen. Schon in dieser Woche geben China und Japan der Welt Anlaß, die Augen auf das Neue im Osten zu richten: In Peking trifft am Freitag der japanische Kaiser ein.

Man könnte einwenden, der amerikanische Präsident sei auch schon in der chinesischen Hauptstadt gewesen. Und ein deutscher Bundeskanzler erst recht. Doch es hat seine ganz eigene Bedeutung, wenn einer nach Peking reist, dessen Hof auf 1300 Jahre japanisch-chinesischer Beziehungen zurückblickt. Tenno Akihito jettet eben nicht routinemäßig über die Japanische See. Keiner seiner Ahnen und Urahnen, deren Amtszeiten man bis auf das 5. Jahrhundert zurückschreibt, hatte je diese Reise unternommen. Peking war immer mehr als nur die Hauptstadt Chinas. Es war den Japanern lange Zeit das Zentrum der bekannten Welt.

Heute hat Peking diesen Rang verloren. Die chinesischen Führer nehmen diesmal sogar von ihrer konfuzianischen Vorliebe Abstand, die Staatskunst zur Religion zu erklären. Auf dem 14. Parteitag der chinesischen Kommunisten, der am Sonntag, zu Ende ging, wurde die „sozialistische Marktwirtschaft“ zur neuen Staatsdoktrin erhoben. Der Abwurf des ideologischen Ballasts erleichterte den Besuch des Tennos sehr.