Von Hans Schuh

Manch prominentem Wissenschaftler wird nachgesagt, er sei Mitte Oktober regelmäßig verstimmt – weil wieder einmal der Nobelpreis an ihm vorbeigegangen ist. Als Rudolph Arthur Marcus vor neun Jahren auf einer Party hörte, daß der Preis seinem Landsmann, dem Amerikaner Henry Taube, für ähnliche Arbeiten wie seine eigenen zugesprochen wurde, da legte er sich auf ein Bett und war für den Rest des Abends unpäßlich. Während um ihn herum gefeiert und getanzt wurde, kämpfte er mit dem Gedanken, niemals diese höchste wissenschaftliche Auszeichnung zu bekommen. Erfahrungsgemäß dauert es sehr lange, bis das gleiche Fachgebiet erneut bei der Preisvergabe berücksichtigt wird. Nun hat er es doch geschafft: Rudy, wie ihn seine Kollegen nennen, wird im Dezember den Nobelpreis für Chemie erhalten.

Die Fachleute sind sich einig, daß Marcus diese Ehre verdient hat. "Kaum einer hat soviel für den Nobelpreis gerudert wie Rudy", erklärte einer seiner vielen europäischen Freunde und meinte dies keineswegs abschätzig: "Außenstehende sind sich kaum darüber im klaren, welcher nahezu viehischen Anstrengungen es bedarf, um diesen Preis zu erhalten."

Dennoch ist Marcus alles andere als ein von Ehrgeiz getriebener Sonderling. Er ist bei seinen Kollegen beliebt, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube und schätzt sich selbst nüchtern ein. Er weiß, daß auf seinem Gebiet mehrere hervorragende Köpfe forschen. Deshalb war es keine taktische Bescheidenheit, wenn der 69jährige Laureat die Nachricht aus Stockholm so kommentierte: "Das ist eine tolle Überraschung. Aber mich erstaunt, daß ich den Preis allein erhalte. Ich hätte ihn gerne geteilt."

Fairneß, Offenheit, viel Enthusiasmus und große Ausdauer bescheinigen ihm auch seine Münchner Kollegen, die Professoren Maria-Elisabeth Michel-Beyerle, Edward William Schlag, Ludwig Hofacker und Wolf gang Zinth. In München verbrachte Marcus 1976 als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung einen Forschungsaufenthalt. "Rudy Marcus ist ein bescheidener Mensch, der von der Laborarbeit bis hin zum Schreiben von Veröffentlichungen alles selber macht. Er behandelt seine Mitarbeiter als Gleichwertige und nutzt sie nicht aus, wie dies manch andere Koryphäe tut", sagt Frau Michel-Beyerle, die mit ihm befreundet ist und bei der Erforschung der Photosynthese mit Marcus zusammenarbeitet.

Der im kanadischen Montreal geborene Rudolph Marcus lehrt seit 1978 am California Institute of Technology in Pasadena. Den Nobelpreis erhält er "für seine Beiträge zur Theorie der Elektronenüberführungsreaktionen in chemischen Systemen", wie es in der offiziellen Begründung heißt. Hinter dem abstrakten Begriff der Elektronenüberführung verbirgt sich eine riesige Zahl wichtiger chemischer Reaktionen, ohne die es weder Leben noch die dazu notwendige Energie gäbe. Denn Elektronen bilden die Hülle von Atomen und sind gewissermaßen der Kitt, der alle Moleküle zusammenhält. Jeder chemische Vorgang ist mit Positionsänderungen von Elektronen verbunden.

Marcus hat sich die einfachste Form vorgenommen, die Übertragung eines Elektrons von einem Atom oder Molekül (A) auf ein anderes (B). In diese Kategorie fallen Vorgänge wie die Verbrennung und die Korrosion, zahlreiche energieliefernde, von Enzymen gesteuerte biochemische Prozesse im Körper, die Entstehung von geladenen Teilchen (Ionen) und andere elektrochemische Prozesse bis hin zur elektrischen Leitung in Halbleitern und Polymeren.