Von Gregor Dotzauer

Er muß davon geträumt haben, seine Geschichte noch in diesem Leben loszuwerden. Was sonst brachte Primo Levi zum Schreiben? Und wie anders ließe sich der Roman erklären, der nun posthum auf deutsch erscheint und das so paradox wie keines seiner anderen Bücher zeigt?

Statt der wirklichen Geschichte entwirft "Der Ringschlüssel" eine mögliche – das Gegenbild zu einer Vergangenheit, die in Primo Levis Augen nicht vergehen wollte. Und der ohnmächtige Zeuge des eigenen Schicksals, als den man den Autor kennt, verwandelt sich auf einmal in einen irritierend fröhlichen Erfinder. Nirgends gibt er sich heiterer und verliebter in abenteuerliche Anekdoten, nirgendwo umtänzelt er sein Stilideal wie hier, nirgends erzählt er so drauflos. Nicht eine Spur der Strenge, die selbst seine nichtautobiographischen Bücher wie den Partisanen-Roman "Wann, wenn nicht jetzt?" oder seine Erzählungsbände prägt, und vor allem: kein Wort über das Lager. Hinter den piemontesischen Plaudereien des weltreisenden Monteurs Libertino Faussone würde der ahnungslose Leser niemals die Stimme eines Mannes vermuten, der zwischen Februar 1944 und der Befreiung durch die Alliierten in Auschwitz-Monowitz gefangen war.

Das mögliche, unmögliche Leben in der Literatur. Im wirklichen beging Primo Levi 1987 Selbstmord. Wenn man den "Ringschlüssel" als Ausbruchsversuch vor dieser Ultima ratio liest, erscheint auch das Stilideal, das Levi sonst ganz unschuldig zu befolgen vorgab, in einem anderen Licht. In dem Essay "Über dunkles Schreiben" nannte er die nüchterne Präzision seiner Texte schlicht eine Vorliebe. Wer schreibt, behauptete er, hat die Freiheit, diejenige Sprache zu wählen, die ihm am meisten behagt. Ihm lagen eben offenbar Klarheit, Verständlichkeit und Ökonomie am meisten, und tatsächlich findet man bei ihm nicht einen dunklen oder wirren Satz. Zu glauben, literarisches Chaos symbolisiere am besten das Chaos, das der Menschheit bevorstehe, hielt er für einen Fehler des 20. Jahrhunderts. Hinter Ezra Pounds poetischen Dunkelheiten vermutete er die gleichen Irrtümer wie hinter dessen faschistischer Gedankenwelt, und die verrätselten Dichtungen von Georg Trakl und Paul Celan kamen ihm wie ein Selbstmord zu Lebzeiten vor, der im wirklichen Freitod der beiden Lyriker endete (die Geheimnisse um Trakls Tod einmal außer acht gelassen).

Als hätte Levi die Wahl gehabt! "Ne pas ehercher à comprendre": Mit dieser im Blechnapf eines Mithäftlings eingeritzten Warnung konnte er sich nie abfinden. Er war besessen vom Verstehen und Erklären und von der Schärfe der Vernunft, seitdem ihm das Unbegreifliche des Lagers widerfahren war. Und an bewährten Darstellungsformen hielt er fest, weil er in der Sprache seines Herzens hätte fürchten müssen, die Fassung zu verlieren. So entspringt sein Schreiben einem fast reflexartigen Zwang zur Klarheit, zu einer Transparenz, die eine moralische Forderung an Literatur und Kunst im allgemeinen war – obwohl er sie zur Präferenz herunterspielte. Und so fehlt der ungeheuren Neugier, die aus seinen Büchern spricht, jegliche Naivität. Ob es nun im "Ringschlüssel" um die Montage eines Derricks vor Alaska geht (eines Gittermasts für Ölbohrungen) oder um die Konstruktion einer Hängebrücke in Indien: Levis Begeisterung für technische Probleme kommt aus dieser traumatischen Quelle und nicht so sehr aus den verwandten Interessen des studierten Chemikers.

Anscheinend führte Primo Levis Deutungswut dazu, daß er sich auch ein Stück weit selbst verkannte. Schließlich war er sein eigener Gegenstand beim Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen. "Ich bin", bemerkt er etwa im Vorwort seiner Artikelsammlung "die dritte seite", die nun zusammen mit dem "Ringschlüssel" erscheint, "ich bin ein normaler Mensch mit gutem Gedächtnis, der in einen Wirbel geraten ist und mehr aus Glück als aus eigenem Verdienst wieder herausgekommen ist, und der seitdem eine gewisse Neugierde für Turbulenzen hegt, für große und kleine, metaphorische und materielle." Hätte nicht Levi diesen Satz geschrieben, würde man Hohn aus ihm heraushören, Verharmlosung, Beschönigung. Doch auch wenn es sich nicht um eine unfreiwillige oder freiwillige Selbsttäuschung handeln sollte, sondern nur um einen rhetorischen Kunstgriff, der das Pathos der eigenen Rede mildert: Was bedeutet das für Levis Erfahrungen insgesamt? Bleibt nicht alles, wovon er Zeugnis ablegen wollte, weniger als ein Schatten der Wirklichkeit?

Primo Levi kannte das Problem des künstlerisch domestizierten Schreckens genau, aber er wußte auch, daß er, der Überlebende, der einzig mögliche Berichterstatter war. Denn "wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden", heißt es in der Essaysammlung "Die Untergegangenen und die Geretteten".