Von Nikolaus Piper

"Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht." Joseph Schumpeter

Der Held der kapitalistischen Wiedergeburt ist ein Mann, der den Sieg des Sozialismus für unvermeidbar hielt.

Überall im ehemaligen Ostblock hoffen Politiker darauf, daß "Schumpetersche Unternehmer" die "schöpferische Zerstörung" der maroden Industrie in Gang setzen, daß ein "Schumpeterscher Prozeß" beginnt. Joseph Schumpeter gilt gar als "Ökonom der neunziger Jahre". Ironie der Geschichte: Zwar erklärte der so Beschworene tatsächlich als einer der ersten die atemberaubende Dynamik des Kapitalismus, aber er war fest davon überzeugt, daß dieser irgendwann an seinem Erfolg zugrunde gehen werde. Jedenfalls hätte er es sich wohl nie träumen lassen, daß vierzig Jahre nach seinem Tod Menschen mittels seiner Analysen versuchen würden, auf den Trümmern des Sozialismus den Kapitalismus neu aufzubauen.

Joseph Aloisius Julius Schumpeter wurde am 8. Februar 1883 in Tfeät geboren, damals unter dem Namen Triesch eine österreichische Provinzstadt in Mähren mit rund 4000 Einwohnern. Schumpeters Vater besaß eine Tuchfabrik in dritter Generation; er starb, als der Junge vier Jahre alt war. Die Mutter heiratete später den pensionierten K.u.k.-Offizier Sigismund von Kéler.

Der Stiefvater verhalf Schumpeter zum gesellschaftlichen Aufstieg: Die Familie zog nach Wien, der Junge besuchte das Elitegymnasium Theresianum und begann 1901 Volkswirtschaft an der Wiener Universität zu studieren – damals ein Zentrum der theoretischen Ökonomie in Europa. Bereits mit 27 Jahren wurde er ordentlicher Professor an der Universität Graz und veröffentlichte kurz darauf sein erstes Hauptwerk, die "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung".

Das Buch war eine Sensation. Schumpeter analysierte darin als einer der ersten Ökonomen die Dynamik des Kapitalismus aus sich selbst heraus. Dies hatte vorher lediglich Karl Marx versucht, den Schumpeter zeitlebens verehrte. Die Mehrheit der etablierten Ökonomen arbeitete dagegen mit statischen Modellen. Sie konnten zwar, mathematisch elegant, beschreiben, wie Gleichgewichtspreise auf Märkten Angebot und Nachfrage in Einklang bringen; für die Erklärung des ökonomischen Wandels mußten sie jedoch auf außerökonomische Ereignisse wie Kriege, Bevölkerungswachstum oder Erfindungen zurückgreifen.