Wer überlebt hat, ist arm dran. Der Rock ’n’ Roll gönnt seinen Schaustellern und aficionados nur begrenzte Haltbarkeit; danach können sie schauen, wo sie bleiben. Las Vegas oder die Tour über die Dörfer, um von den bauchenden und kahl werdenden Fans den eigenen Niedergang abzulesen. Die wenigsten haben rechtzeitig gehandelt und sich früh genug vor dem Alter gerettet: James Dean und Jimi Hendrix wußten, was zu tun war. Bob Dylan wußte es nicht und ist deshalb ein Revenant geworden, zur ewigen Wiederkehr verdammt. Keiner weit und breit, der ihm den Pfahl der Barmherzigkeit ins leergesungene Herz triebe.

Vor dreißig Jahren, im März 1962, brachte Robert Zimmerman aus Hibbing in Minnesota unter seinem neu eingetragenen Künstlernamen Bob Dylan sein erstes Album heraus. Zu diesem dreißigjährigen Berufsjubiläum lud die Firma Columbia (oder was von ihr nach der japanischen Machtergreifung übriggeblieben ist) viele alte Freunde und auch ein wenig Nachwuchs ein. Weit mehr als zwei oder drei waren es, aber alle versammelt im Namen Bobbys, um ihm zu gratulieren und der Firma zu einen, neuen Album zu verhelfen. Als wär’s die Benefiz-Veranstaltung "Künstler in Not", mühten sich viele berühmte Menschen, dem Publikum zu versichern, daß der zu Feiernde früher mal all diese wunderbaren Lieder geschrieben und gesungen hatte.

So grandios das Aufgebot an Stars war – George Harrison und Eric Clapton waren dabei, Lou Reed fehlte nicht, Neil Young gab eine überwältigende Vorstellung des Rockers als Arbeiter und Sinead O’Connor erzürnte die alterskonservativ gestimmte Menge wegen einer früheren Papst-Beleidigung –, so erbärmlich vergreiste die Feier-Nacht, als zum Ende hin ein untoter Bob Dylan nach vorn wankte. Bei seiner letzten Deutschlandtournee bedurfte er gelegentlich der helfenden Hände von gleich zwei Männern, um überhaupt den Weg auf die Bühne und vors Mikrophon zu finden. Diesmal schaffte er es alleine, crohte aber jeden Moment nach hinten umzukippen. Wie immer in den letzten Jahren wirkte Dylan schwer bedröhnt, lustlos ohnehin und so fehl am Platz wie eine Kuh im Surfkurs. Ebenso elegant schrummte er über seine Gitarre, keuchte in den Hobel, bis er gnädig von einem Kreis Verehrer überspielt wurde, in den sich auch seine einst machtvolle Begleitgruppe The Band eingereiht hatte.

Um fünf Uhr morgens war die Live-Übertragung zu Ende, das Nachtgespenst fand für eine Zeitlang Ruhe. Draußen fuhren die ersten U-Bahnen, wir rieben uns die Augen und sahen noch immer den Frohsinns-Dampfplauderer Fritz Egner dasitzen, der vor allem in der Kunst des Dreinquatschens exzellierte. Sekundiert hatte ihm dabei ein promovierter Dylanologe, einer von vermutlich zweitausend, die allein in Deutschland frei herumlaufen.

Vor dreißig Jahren, mit Anfang Zwanzig, spielte Dylan überzeugend den alten Mann, der alles gesehen hat und nichts verzeiht. Und wenn unter seinen allzeit gültigen Hetzversen auf die amerikanische Regierung eine verdächtige Cowboy-Sentimentalität aufblinkte, dann war das unser aller Kitschbedürfnis. Inzwischen ist Dylan vorausgealtert, ein jammervoller Greis von 51 Jahren, der andere gegen die "Masters of War" singen läßt und selber in West Point auftritt, in der Schleifanstalt für den amerikanischen Militärnachwuchs. Bob Dylan hat sich, er hat dieses unwürdige Alter nicht verdient.

Willi Winkler