Von Gitta Sereny

Ende August hat das US-Appellationsgericht in Cincinnati im verwickelten Fall des John Demjanjuk für eine überraschende Wende gesorgt. Demjanjuk ist ein in der Ukraine geborener Automechaniker, der bis zu seiner Ausbürgerung 1981 einen amerikanischen Paß besaß. Sieben Jahre später wurde er in Israel zum Tode verurteilt. Das Urteil, er sei „Iwan der Schreckliche“, jener Mann, der während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Treblinka in Polen die Gaskammern bedient hatte, liegt einem israelischen Gericht zur Berufung vor. Und es mehren sich die Zweifel an den Beweisen, die 1986 zu Demjanjuks Auslieferung nach Israel führten. Nach Durchsicht von 750 Aktenseiten, zur Verfügung gestellt vom Justizministerium, hat das US-Appellationsgericht jetzt angeordnet, die vier Staatsanwälte, die 1981 für Demjanjuks Ausbürgerungsverfahren zuständig waren, unter Eid befragen zu lassen. Die Anhörungen unter dem Vorsitz von Bundesrichter Thomas Wiseman beginnen im November in Nashville. Beamte des Office for Special Investigations (OSI), einer Ermittlungsbehörde des Justizministeriums, sollen im Dezember vernommen werden. Nach Aussagen des Richters Gilbert Merritt, des Kammervorsitzenden beim Appellationsgericht, hat das Justizministerium schon vor dem Ausbürgerungsverfahren Unterlagen zurückgehalten, die darauf hindeuten, daß es sich bei „Iwan dem Schrecklichen“ nicht um John Demjanjuk, sondern um einen Ukrainer namens Iwan Martschenko handelte. Das Kernproblem für das Gericht besteht nach den Worten von Richter Merritt nun darin, zu entscheiden, ob das Zurückhalten dieses möglicherweise entlastenden Materials durch die Ankläger als Amtsvergehen und Betrug zu ahnden sei. Das Gericht wäre dann beim Beschluß der Auslieferung Demjanjuks irregeführt worden.

Da das Justizministerium bereits zugegeben hat, Beweismaterial zurückgehalten zu haben, das Demjanjuks Identität als „Iwan der Schrecklichen“ in Frage stellt, wird der Auslieferungsbefehl möglicherweise rückgängig gemacht. Deshalb könnten die israelischen Richter, die seit dem 10. Juni über Demjanjuks Gnadengesuch beraten, jetzt zu dem Schluß kommen, Demjanjuks Prozeß, Inhaftierung und Strafe seien nach israelischem Recht ungültig.

Angesichts der Bedeutung des Falles, die das US-Appellationsgericht schon betont hat, ist die Versuchung groß, die Schuld an dem Justizirrtum einzig und allein bei den amerikanischen Anklägern zu suchen. Damit würde man jedoch der Komplexität eines Falles nicht gerecht, der von Beginn an in drei Ländern kulturelle Mißverständnisse, politischen Druck und extreme emotionale Reaktionen hervorgerufen hat.

Der Fall, über den jetzt, in einem Jahr, da die Sowjetunion nicht mehr existiert, entschieden wird, führt nicht nur zurück zu den Trümmern Hitler-Deutschlands, sondern auch zum Kalten Krieg. In gewisser Weise wurde John Demjanjuk – wenn auch keinesfalls unschuldig – ein Teil dieser globalen Auseinandersetzung. Während der Jahre, da dieser Fall untersucht wurde, mißtrauten Sowjets und Amerikaner einander zutiefst. Die sowjetischen Behörden, die nur bruchstückhaft Material lieferten, benutzten durch Zurückhalten von Informationen den Fall für ihr politisches Spiel gegen die Vereinigten Staaten: Die meisten der über 25 Anfragen der Amerikaner zu Demjanjuk blieben unbeantwortet. Die Amerikaner ihrerseits ließen sich ganz von ihrem leidenschaftlichen Glauben an die Schuld Demjanjuks leiten, indem sie das von den Sowjets zur Verfügung gestellte spärliche Material selektiv und nicht sehr sorgfältig behandelten. Die Israelis, denen die amerikanischen Ankläger jegliche Zweifel verschwiegen, wurden rasch von der gleichen Leidenschaft gepackt.

Um finanzielle und politische Unterstützung für Demjanjuks Verteidigung sowohl in den Vereinigten Staaten als auch später in Israel zu erhalten, wandte sich seine Familie an die mächtige und zutiefst antisowjetische Gemeinschaft der Ukrainer in den Vereinigten Staaten und Kanada. Überzeugt, daß Demjanjuk Opfer einer sowjetischen Verschwörung sei, brachten sie zwei Millionen Dollar für seine Verteidigung auf und interessierten einige wichtige Journalisten und Kongreßabgeordnete für den Fall, der bald zu einer Glaubenssache wurde. Der Fall Demjanjuk entwickelte sich in den Augen seiner Fürsprecher zum Symbol für sowjetische und jüdische Verfolgung. Wenn auch bei weitem nicht alle seine Unterstützer Antisemiten waren – auch viele Juden und Israelis äußerten von Anfang an Zweifel am Verfahren im Fall Demjanjuk –, weckte der Prozeß doch alsbald heftige nationalistische wie antisemitische Gefühle.

Doch der wichtigste Grund für die Verwirrungen sollte John Demjanjuks eigene Aussage sein, die voll von offenkundigen Lügen war, an denen er später festhielt.