Von Gitta Sereny

Ende August hat das US-Appellationsgericht in Cincinnati im verwickelten Fall des John Demjanjuk für eine überraschende Wende gesorgt. Demjanjuk ist ein in der Ukraine geborener Automechaniker, der bis zu seiner Ausbürgerung 1981 einen amerikanischen Paß besaß. Sieben Jahre später wurde er in Israel zum Tode verurteilt. Das Urteil, er sei „Iwan der Schreckliche“, jener Mann, der während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Treblinka in Polen die Gaskammern bedient hatte, liegt einem israelischen Gericht zur Berufung vor. Und es mehren sich die Zweifel an den Beweisen, die 1986 zu Demjanjuks Auslieferung nach Israel führten. Nach Durchsicht von 750 Aktenseiten, zur Verfügung gestellt vom Justizministerium, hat das US-Appellationsgericht jetzt angeordnet, die vier Staatsanwälte, die 1981 für Demjanjuks Ausbürgerungsverfahren zuständig waren, unter Eid befragen zu lassen. Die Anhörungen unter dem Vorsitz von Bundesrichter Thomas Wiseman beginnen im November in Nashville. Beamte des Office for Special Investigations (OSI), einer Ermittlungsbehörde des Justizministeriums, sollen im Dezember vernommen werden. Nach Aussagen des Richters Gilbert Merritt, des Kammervorsitzenden beim Appellationsgericht, hat das Justizministerium schon vor dem Ausbürgerungsverfahren Unterlagen zurückgehalten, die darauf hindeuten, daß es sich bei „Iwan dem Schrecklichen“ nicht um John Demjanjuk, sondern um einen Ukrainer namens Iwan Martschenko handelte. Das Kernproblem für das Gericht besteht nach den Worten von Richter Merritt nun darin, zu entscheiden, ob das Zurückhalten dieses möglicherweise entlastenden Materials durch die Ankläger als Amtsvergehen und Betrug zu ahnden sei. Das Gericht wäre dann beim Beschluß der Auslieferung Demjanjuks irregeführt worden.

Da das Justizministerium bereits zugegeben hat, Beweismaterial zurückgehalten zu haben, das Demjanjuks Identität als „Iwan der Schrecklichen“ in Frage stellt, wird der Auslieferungsbefehl möglicherweise rückgängig gemacht. Deshalb könnten die israelischen Richter, die seit dem 10. Juni über Demjanjuks Gnadengesuch beraten, jetzt zu dem Schluß kommen, Demjanjuks Prozeß, Inhaftierung und Strafe seien nach israelischem Recht ungültig.

Angesichts der Bedeutung des Falles, die das US-Appellationsgericht schon betont hat, ist die Versuchung groß, die Schuld an dem Justizirrtum einzig und allein bei den amerikanischen Anklägern zu suchen. Damit würde man jedoch der Komplexität eines Falles nicht gerecht, der von Beginn an in drei Ländern kulturelle Mißverständnisse, politischen Druck und extreme emotionale Reaktionen hervorgerufen hat.

Der Fall, über den jetzt, in einem Jahr, da die Sowjetunion nicht mehr existiert, entschieden wird, führt nicht nur zurück zu den Trümmern Hitler-Deutschlands, sondern auch zum Kalten Krieg. In gewisser Weise wurde John Demjanjuk – wenn auch keinesfalls unschuldig – ein Teil dieser globalen Auseinandersetzung. Während der Jahre, da dieser Fall untersucht wurde, mißtrauten Sowjets und Amerikaner einander zutiefst. Die sowjetischen Behörden, die nur bruchstückhaft Material lieferten, benutzten durch Zurückhalten von Informationen den Fall für ihr politisches Spiel gegen die Vereinigten Staaten: Die meisten der über 25 Anfragen der Amerikaner zu Demjanjuk blieben unbeantwortet. Die Amerikaner ihrerseits ließen sich ganz von ihrem leidenschaftlichen Glauben an die Schuld Demjanjuks leiten, indem sie das von den Sowjets zur Verfügung gestellte spärliche Material selektiv und nicht sehr sorgfältig behandelten. Die Israelis, denen die amerikanischen Ankläger jegliche Zweifel verschwiegen, wurden rasch von der gleichen Leidenschaft gepackt.

Um finanzielle und politische Unterstützung für Demjanjuks Verteidigung sowohl in den Vereinigten Staaten als auch später in Israel zu erhalten, wandte sich seine Familie an die mächtige und zutiefst antisowjetische Gemeinschaft der Ukrainer in den Vereinigten Staaten und Kanada. Überzeugt, daß Demjanjuk Opfer einer sowjetischen Verschwörung sei, brachten sie zwei Millionen Dollar für seine Verteidigung auf und interessierten einige wichtige Journalisten und Kongreßabgeordnete für den Fall, der bald zu einer Glaubenssache wurde. Der Fall Demjanjuk entwickelte sich in den Augen seiner Fürsprecher zum Symbol für sowjetische und jüdische Verfolgung. Wenn auch bei weitem nicht alle seine Unterstützer Antisemiten waren – auch viele Juden und Israelis äußerten von Anfang an Zweifel am Verfahren im Fall Demjanjuk –, weckte der Prozeß doch alsbald heftige nationalistische wie antisemitische Gefühle.

Doch der wichtigste Grund für die Verwirrungen sollte John Demjanjuks eigene Aussage sein, die voll von offenkundigen Lügen war, an denen er später festhielt.

Das Verfahren gegen Demjanjuk begann vor siebzehn Jahren, als die Sowjets dem amerikanischen Justizministerium eine Liste mit den Namen von siebzig mutmaßlichen Kriegsverbrechern zusandten, die in den USA leben sollten. Darunter befanden sich zwei Ukrainer, die auch den Amerikanern verdächtig waren: Feodor Federenko, von dem man annahm, er sei Wärter in Treblinka gewesen, und Demjanjuk, den man für den Wärter eines anderen Lagers hielt – nämlich Sobibor, ebenfalls in Polen gelegen. Im Fall Demjanjuk befragten die US-Einwanderungsbehörden die zwölf in den USA ansässigen Überlebenden von Sobibor, doch keiner konnte Demjanjuk identifizieren. Im April 1976 schickten die Behörden siebzehn Photos nach Israel, einschließlich Demjanjuks Visumphoto aus dem Jahre 1951 und eines Bildes von Federenko. Während auch dort keiner der wenigen Überlebenden von Sobibor Demjanjuk identifizieren konnte, glaubten überraschenderweise mehrere Überlebende von Treblinka, ihn als den Gaskammer-Wärter ihrer Alpträume, „Iwan den Schrecklichen“, wiederzuerkennen.

Einige Monate später, im August 1976, waren die Sowjets erneut in den Fall verwickelt: Eine ukrainische Zeitung veröffentlichte eine dreißig Jahre alte Aussage eines ehemaligen Sobibor-Wärters namens Ignat Daniltschenko, die er in einem sowjetischen Kriegsverbrecherprozeß gemacht hatte. Daniltschenko hatte damals vor Gericht ausgesagt, der Mann in Sobibor, an den er sich am besten erinnere, sei ein Wärter namens Iwan Demjanjuk gewesen, mit dem er außerdem später das Konzentrationslager Flossenbürg in Deutschland bewacht habe. Daniltschenko legte Demjanjuks Adresse in Cleveland sowie das Photo aus einem deutschen Paß vor, der auf seinen Namen in einem SS-Trainingscamp in Trawniki in Polen ausgestellt worden war und einen Vermerk über den Dienst in Sobibor trug.

Das Spiel der Sowjets

Da in der Sowjetunion nichts ohne die Zustimmung des KGB veröffentlicht werden konnte, legt die Veröffentlichung von Daniltschenkos Aussage den Verdacht nahe, daß die Sowjets Demjanjuk tatsächlich verfolgten – wie seine Familie und seine Fürsprecher von Anfang an behauptet hatten. Doch ein ehemaliger Unterhändler bei amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen bezweifelt, daß es sich um eine Verschwörung gegen diesen einzelnen, vergleichsweise unbedeutenden Mann gehandelt haben könnte. „Natürlich mochten sie Leute nicht, die in den Westen ausgewandert waren. Und selbstverständlich genossen sie es, Amerika als ein Paradies für Kriegsverbrecher anzuprangern“, erklärte er mir. Er vermutet hingegen, daß die Sowjets auf Demjanjuk erst aufmerksam wurden, als er Jahre nach seiner Ankunft in den USA seiner Mutter in der Ukraine, die ihn für tot hielt, einen Brief schrieb und seinen Aufenthaltsort mitteilte. Später, als seine Frau ihre Familie in der Ukraine besuchte, hätten sie ihn dann erneut im Visier gehabt. „Sie benutzten ihn, so wie sie andere benutzten, wenn es ihnen gerade paßte“, sagte mein Informant. „Es gehörte zu ihrem Spiel – sicher haben sie sich über ihren unerwarteten Erfolg gewundert.“

Demjanjuk und seine Familie, die alle Anschuldigungen von Kriegsverbrechen zurückgewiesen haben, erklärten Daniltschenkos Aussage für falsch und den in Trawniki ausgestellten Paß für eine sowjetische Fälschung. Dessen ungeachtet stützte sich von 1978 bis 1979 die vom Justizministerium eingerichtete Sonderermittlungsbehörde zur Aufklärung von Kriegsverbrechen (OSI) voll und ganz auf die Aussagen der Überlebenden von Treblinka, die Demjanjuk als „Iwan den Schrecklichen“ identifiziert haben wollten. Daniltschenkos unbequeme Aussagen über Sobibor und Flossenbürg wurden einfach zu den Akten gelegt. Auch zwei Jahre später, während Demjanjuks Ausbürgerungsprozesses, verschwiegen die Strafverfolgen, daß sie in Besitz eines weiteren sowjetischen Dokuments aus dem Jahr 1979 waren, aus dem hervorging, daß Daniltschenkos Aussagen gegenüber einem weiteren sowjetischen Anwalt identisch waren mit seinen vorhergehenden. Die Bitte der US-Ermittler, Daniltschenko sprechen zu dürfen, hatten die Sowjets abgelehnt. „Da sie uns ein Gespräch mit Daniltschenko nicht genehmigten, habe ich ihnen nie geglaubt“, berichtete Allan Ryan, damals Leiter der Ermittlungsbehörde und einer der vier jetzt durch das Appellationsgericht befragten Staatsanwälte. Schlimmer noch, die Israelis und Demjanjuks Verteidiger bekamen Daniltschenkos Aussagen von 1979 erst im Dezember 1987 zu Gesicht, als zwei Drittel des Prozesses schon vorüber waren, weshalb auch die Israelis, dem Beispiel der Amerikaner folgend, die Aussagen zu den Akten legten.

Bis 1979 hatten die ständigen Kontakte zwischen den amerikanischen und den sowjetischen Behörden die Meinungsverschiedenheiten und Konflikte lediglich verschärft. „Die Sowjets konnten unsere Betroffenheit über die Ermordung der Juden nie verstehen“, berichtete mir ein weiterer amerikanischer Informant, der ebenfalls anonym bleiben wollte. „Für sie zählte nur, daß die Nazis zwanzig Millionen Russen ermordet hatten. Bei uns in Amerika ist das Wort ‚Nazi‘ zum Synonym für den Völkermord an den Juden geworden, und unsere Untersuchungen von Kriegsverbrechen waren fast ausnahmslos mit dem Holocaust verbunden. Dies führte, neben vielen anderen Unterschieden, zu einer schier unüberwindbaren kulturellen Kluft und erzeugte tiefes Mißtrauen auf beiden Seiten.“

Infolge dieses Mißtrauens verschwiegen die Sowjets den Amerikanern, daß sie bereits über vierzig ehemalige Treblinka-Wärter vor Gericht gestellt hatten. Die meisten waren hingerichtet worden, doch einige wurden als Informanten benutzt. Hätten die Amerikaner diese Prozeßberichte lesen können (was der israelische Chefankläger, Michael Shaked, und Demjanjuks israelischer Rechtsanwalt, Yoram Sheftel, in den vergangenen zwei Jahren in den wieder geöffneten sowjetischen Archiven endlich tun konnten), dann hätten sie festgestellt, daß in den Schilderungen dieser ehemaligen Wärter mehrfach von dem grausamen „Iwan dem Schrecklichen“ die Rede war. Die Beschreibungen seines Charakters und seiner Brutalität decken sich auf unheimliche Weise bis ins Detail mit den Erinnerungen der Überlebenden von Treblinka, die vier Jahrzehnte später im Demjanjuk-Prozeß aussagten.

Bereits 1979 wurde die amerikanische Ermittlungsbehörde OSI sowohl von rechtsgerichteten Politikern, die ein Ende der Kriegsverbrecherprozesse forderten, als auch von jüdischen und liberalen Interessengruppen, die auf Fortführung der Prozesse bestanden, unter Druck gesetzt. Der Erfolgszwang, unter dem die Ermittler aus der OSI standen, war enorm – nur ein Sieg im Demjanjuk-Prozeß würde das Fortbestehen ihrer Institution rechtfertigen. Gleichzeitig glaubten sie, ihn gewinnen zu müssen, denn, verfolgt vom Bild „Iwans des Schrecklichen“, waren sie mittlerweile leidenschaftlich von Demjanjuks Schuld überzeugt. „Nachts träumte ich sogar von ihm“, stöhnte Staatsanwalt John Horrigan 1986. Vollends gegen Demjanjuk eingenommen habe die Staatsanwälte die Tatsache, daß „er ein Lügner war. Als wir 1981 den Prozeß eröffneten, zweifelte ich nicht mehr im geringsten daran, daß er Iwan von Treblinka war, ein wahrhaft schrecklicher Mensch.“

Die Lügen des Angeklagten

Demjanjuk hatte von Anfang an behauptet, 1941 sowjetischer Soldat gewesen und 1942 von den Deutschen gefangengenommen worden zu sein. 1944 sei er, noch immer Kriegsgefangener, zur galizischen Waffen-SS eingezogen worden, um gegen die Russen zu kämpfen. Abgesehen davon, daß die Untersuchungsbeamten dies ohnehin für eine Lüge hielten, hatte Demjanjuk auf offiziellen Formularen, ausgefüllt in Deutschland vor seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten 1951, zwei Angaben gemacht, die sich im Prozeß gegen ihn als schicksalhaft erweisen sollten.

Als erstes hatte er angegeben, zwischen 1937 und 1943 in Sobibor, Polen, gelebt zu haben. Demjanjuk erklärte später, einen Vorkriegswohnort außerhalb der Sowjetunion eingetragen zu haben, um nicht repatriiert und womöglich in seinem Heimatland hingerichtet zu werden. Gemäß dem Abkommen von Jalta war dieser Nachweis eine Bedingung für jene ehemaligen Sowjetbürger, die nicht in ihr Land zurückkehren wollten. Doch wie die Richter bei dem Prozeß in Israel bemerkten, konnte es kein Zufall sein, daß er unter allen Dörfern und Städten Polens gerade Sobibor gewählt hatte – einen Ort in den polnischen Wäldern, der so unbedeutend war, daß man ihn auf keiner Vorkriegslandkarte eingezeichnet fand. Nur jemandem, der mit dem von den Nazis Anfang 1942 dort errichteten Todeslager zu tun hatte, konnte dieser Ort bekannt gewesen sein.

Der Ausgangspunkt für Demjanjuks zweite Falschaussage war eher harmloser Natur, wirkte sich jedoch in seinem Prozeß noch verheerender für ihn aus als die erste. Auf seinem US-Visumantrag sollte er den Mädchennamen seiner Mutter angeben. Bis heute erklärt er, sich nicht daran zu erinnern. Deshalb habe er einfach Martschenko gesagt, das ukrainische Pendant für Schmidt. Doch dieser Name spielte für die Untersuchungsbehörde bei der Schuldfrage eine Schlüsselrolle. Die Sowjets hatten der US-Behörde nämlich Zeugenaussagen zweier ehemaliger SS-Wärter in Treblinka zukommen lassen, in denen der Name Martschenko auftauchte. Sie hatten bestätigt, daß es sich dabei um den boshaften Gaskammer-Wärter in Treblinka handelte. Obwohl Demjanjuks SS-Ausweis, der zusammen mit Daniltschenkos Aussage in den Zeitungen abgedruckt worden war und den die Sowjets später den USA und Israel für die Prozesse zur Verfügung gestellt hatten, auf seinen Namen ausgestellt war und ihm seinen Dienst im Todeslager von Sobibor bescheinigte, war die US-Ermittlungsbehörde überzeugt, daß er in Treblinka einfach den Namen seiner Mutter angenommen hatte. (Zehn Jahre später fand Rechtsanwalt Sheftel in der Ukraine heraus, daß ihr Mädchenname gar nicht Martschenko war, sondern Tabatschyk.)

1979 erhielt die US-Ermittlungsbehörde zwei Listen mit den Namen ehemaliger SS-Hilfswärter in den Todeslagern des besetzten Polen. Die eine stammte von der polnischen Kommission zur Aufklärung von Kriegsverbrechen und enthielt 43 Namen von Treblinka-Wärtern, die andere trug den Absender der sowjetischen Behörden und enthielt die Namen von 200 der etwa 3000 Wärter, die in Trawniki ausgebildet worden waren. Demjanjuk tauchte auf keiner der beiden Listen auf. Der Name Iwan Martschenko war hingegen auf beiden zu lesen. Dennoch blieb die US-Ermittlungsbehörde bei ihrer Überzeugung, Demjanjuk sei „Iwan der Schreckliche“ und habe in Treblinka nur den Namen Iwan Martschenko angenommen. Weder Demjanjuks Verteidiger noch die Israelis bekamen diese Listen je zu Gesicht, auch nicht einen Brief der polnischen Kommission, in dem zu lesen war, daß die Polen keine Unterlagen über Demjanjuk besaßen.

„Die strafrechtliche Verfolgung Demjanjuks wurde für uns alle zur Obsession“, erklärte mir John Horrigan 1986. Und auch in Israel wurde die Vorstellung der Identität von Demjanjuk mit „Iwan dem Schrecklichen“ zur Obsession. Nach den schlechten Erfahrungen mit dem Eichmann-Prozeß 1961 wollten die Israelis ursprünglich keinen zweiten Kriegsverbrecherprozeß führen. Doch das Vertrauen der Amerikaner in das Beweismaterial und ihr Wunsch, die Israelis mögen diesen erfolgversprechenden Kriminalprozeß weiterführen – und damit die zivilrechtlichen Strafverfahren der Amerikaner rechtfertigen –, erzeugten einen enormen politischen Druck auf die Israelis. Also benutzte man den Prozeß als Lehrstück für die Jugend, um sie über den Völkermord der Nazis an den Juden aufzuklären. Dies führte dazu, daß die schrecklichen Berichte der Überlebenden von Treblinka, die sich Hunderte von Schulkindern wochenlang live im Gerichtssaal und Millionen via Radio und Fernseher anhörten, eine Eigendynamik entwickelten. Hatten sich die Israelis anfangs nur widerwillig mit dem Fall befaßt, waren sie jetzt genauso wie die Amerikaner fest von Demjanjuks Schuld überzeugt.

Das geheime Dokument

Inzwischen besaßen sowohl die US-Ermittlungsbehörde als auch die Israelis Dokumente, die geeignet waren, weitere Zweifel an Demjanjuks Identität als „Iwan der Schreckliche“ zu nähren. Darunter befand sich ein Bericht über den Treblinka-Prozeß in Düsseldorf Anfang der sechziger Jahre. Befragt, was aus dem berüchtigten „Iwan dem Schrecklichen“ geworden sei, sagte ein SS-Stabsunteroffizier namens Gustav Münzberger, der die Gaskammern in Treblinka gewartet hatte, Iwan sei nach Abriß des Todeslagers im September 1943 mit ihm in einem Konvoi nach Triest gereist und habe sich danach den Partisanen angeschlossen. Diese Aussage wurde später durch ein weiteres, 1986 in Italien aufgetauchtes Dokument bestätigt. Es handelte sich um einen Brief eines ehemaligen SS-Feldwebels in Treblinka, Franz Suchomel, an einen italienischen Journalisten. Darin war zu lesen, daß „Iwan – der Gaskammer-Wärter von Treblinka“ in einem Lagerhaus in Triest gearbeitet hatte, in dem ab Oktober 1943 Juden gefangengehalten worden waren. Später habe er sich den Partisanen angeschlossen.

Und dann war da natürlich jenes Dokument, auf dessen Geheimhaltung besonderen Wert gelegt wurde: Ignat Daniltschenkos Aussage, er habe Anfang 1943 gemeinsam mit Demjanjuk als Wärter im Sobibor-Lager und später in Flossenbürg gearbeitet. Wenn es stimmt, daß sich Demjanjuk ab März 1943 in Sobibor und ab März 1944 in Flossenbürg aufgehalten hat – also nicht in Triest –, dann könnte er, den Gesetzen der Logik folgend, nicht „Iwan der Schreckliche“ gewesen sein. Doch zu jener Zeit wollte niemand etwas von Demjanjuk und Sobibor wissen: Demjanjuks Familie und seine Verteidiger stritten ab, daß er jemals als Wärter in irgendeinem Lager für die Deutschen gearbeitet habe, und für die Strafverfolger in den USA und in Israel war er niemand anders als „Iwan der Schreckliche“. Da Daniltschenkos Aussage, Demjanjuk habe in Sobibor gedient, und die Aussage der deutschen SS-Männer, Iwan habe sich in Triest aufgehalten, diese Gewißheit ins Wanken brachten, wurde beides einfach zu den Akten gelegt. Erst heute, vierzehn Jahre später, ist Daniltschenkos Aussage zu einem wesentlichen Beweismittel geworden, um Demjanjuks Identität als „Iwan der Schreckliche“ zu widerlegen. Und sie könnte den Verdacht bestätigen, daß er als Wärter in mindestens zwei weiteren Lagern arbeitete.

(Daniltschenko hatte sich 1958 in Sibirien niedergelassen, nachdem er von einer 25jährigen Haftstrafe in einem Arbeitslager amnestiert worden war. Überzeugt von der zentralen Bedeutung seiner Aussage, reiste ich im Januar 1990 nach Sibirien, um ihn aufzusuchen. Man hatte mir mitgeteilt, daß er dort in Tobolsk mit seiner Frau lebe. Das stimmte nicht mehr: Er war 1985 gestorben. Doch seine Frau, Olga Petrowna, traf ich an. Sie hatte ihn 1956 kennengelernt, als sie „Stellvertretende Stationsleiterin der 58. Haltestelle“ war, der Eisenbahnstation in der Nähe von Daniltschenkos Arbeitslager. 1958, nach seiner Entlassung, heiratete sie ihn. Er hatte weder seiner Frau noch seinen Kindern gesagt, wo er sich während des Krieges wirklich aufgehalten hatte. Die Geschichte, die er seiner Frau über seinen Freund Demjanjuk erzählt hatte, wies jedoch deutliche Parallelen zu seinen Aussagen vor Gericht über ihre Freundschaft in Sobibor auf – außer daß er natürlich gegenüber seiner Frau niemals den Namen Sobibor oder Flossenbürg erwähnte. Doch seine detaillierte Geschichte, die mir aus seinen Aussagen sehr bekannt vorkam, bestärkte mich in meiner Überzeugung, daß er vor Gericht die Wahrheit gesagt hatte. Von nun an war ich sicher, daß Demjanjuk nicht der Treblinka-Iwan gewesen sein konnte.)

Die Aussagen der Zeugen

Dennoch bleibt die Frage offen, warum so viele Treblinka-Überlebende Demjanjuk als „Iwan den Schrecklichen“ identifizierten. Sein Visumphoto von 1951, das ihn im Alter von 31 Jahren zeigt, weist zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem 30jährigen Martschenko auf, von dem man eine Photographie in russischen Akten fand. Doch dies allein erklärt nicht die Zeugenaussagen der Überlebenden. Die Wahrheit ist, daß bereits der Identifizierungsprozeß in Israel fehlerhaft war.

Die angesehene Rechtsanwältin Miriam Radiwker, anfangs mit der Untersuchung des Falls in Israel betraut, schaltete Anzeigen in israelischen Zeitungen, in denen Demjanjuk und Federenko namentlich abgebildet und Sobibor und Treblinka als mutmaßliche Tatorte angegeben wurden. Außerdem klebte sie die beiden Photographien nebeneinander auf die untere Hälfte einer Albumseite, auf der noch fünf weitere, aber deutlich kleinere Abbildungen mutmaßlicher Kriegsverbrecher zu sehen waren. Diese Seite zeigte sie den Überlebenden, die sie kannte. Viele von ihnen standen in regelmäßigem Kontakt miteinander, doch während des Prozesses in Israel hieß es, die Zeugen hätten Demjanjuk unabhängig voneinander als „Iwan den Schrecklichen“ identifiziert. Und die Richter glaubten es.

Doch während die erschütternden Berichte der Treblinka-Überlebenden den Prozeßverlauf nachhaltig beeinflußten, wurde die einzige wahre Aussage Demjanjuks – er sei nicht Iwan von Treblinka – durch die Tatsache, daß er sich bei der Darstellung seiner Kriegsvergangenheit immer weiter in Lügen verstrickte, unannehmbar.

Wäre er bereit gewesen zuzugeben, daß er ein einfacher und verzweifelter 22jähriger in einem grauenvollen deutschen Kriegsgefangenenlager war, der, um sein Leben zu retten, einwilligte, als SS-Wärter in Sobibor zu dienen, hätte man ihm vielleicht geglaubt. Doch vermutlich gab es zwei Gründe für ihn, an seinen Lügen festzuhalten: Einer davon war seine nachvollziehbare Angst vor den Sowjets. Da ihm seine Falschangaben auf seinem US-Visumantrag nachgewiesen worden waren, stand seine Ausweisung von vornherein fest – egal, ob er in Treblinka oder in Sobibor gedient hatte. Obwohl die Israelis seine Auslieferung nicht gefordert hätten, handelte es sich doch bei ihm nur um einen x-beliebigen Sobibor-Wärter, hätte man ihn vielleicht in die Sowjetunion deportiert. Dort wäre er hingerichtet worden, so wie Feodor Federenko. Außerdem bedrückte ihn – wie viele andere Kollaborateure der Nazi-Mörder – zweifellos die Angst, seine Kinder könnten die Wahrheit über ihn erfahren.

Deshalb schützte Demjanjuk sie vor diesem Wissen. Während ihrer Kindheit erfuhren sie nichts über seine Kriegsjahre; und als er auf der Anklagebank saß, erzählte er eine unselige Lüge nach der anderen, um sein Gesicht vor ihnen zu wahren. Das hatte zur Folge, daß zunächst seine Ankläger und schließlich das gesamte Gericht im Glauben an seine Schuld bestärkt wurden.

Am letzten Prozeßtag in Israel, als das Schicksal für Demjanjuk seinen Lauf zu nehmen schien, präsentierte Verteidiger Yoram Sheftel in einem verzweifelten Versuch, die Verurteilung doch noch abzuwenden, Daniltschenkos Aussage von 1979. Er gab vor, sie gerade erst aus Washington erhalten zu haben, nachdem Demjanjuks Familie ihr Recht auf umfassende Information in Anspruch genommen hatte. Wenn die Behauptung stimmte, Demjanjuk habe zur Wachmannschaft des KZ Sobibor gehört, erklärte er den Richtern, dann müßten sie die Aussagen der Treblinka-Überlebenden, er habe sich zu ebendieser Zeit in Treblinka aufgehalten, verwerfen. Sheftels Versuch, zumindest Zweifel in den Köpfen der Richter zu wecken, schlug fehl.

Der sichtlich überraschte Gerichtspräsident, Richter Levin, fragte, ob Sheftel angesichts dieser Entwicklung seinem Klienten nicht noch in letzter Minute raten wolle, seine Geschichte neu zu erzählen. Falls Demjanjuk wünsche, seinen Dienst in Sobibor zuzugeben, fuhr er fort, würde dies die Relevanz der Zeugenaussagen von Treblinka vermindern. Bliebe er jedoch bei seinem Alibi, Kriegsgefangener und danach bei der deutschen Wehrmacht gewesen zu sein und nähme ihm das Gericht dies nach eingehender Beratung nicht ab, dann würden die Zeugenaussagen der Überlebenden natürlich schwerer wiegen als alles andere.

Doch Demjanjuk blieb bei seinem Alibi, und die Richter lehnten unverständlicherweise den Antrag der Staatsanwaltschaft auf mehr Zeit für Beratungen über die Folgen von Daniltschenkos Aussage ab. Sechs Wochen später rückten sie Daniltschenkos Aussage so zurecht, daß sie zu ihrem Schuldspruch paßte. Demnach sei das Urteil mit Demjanjuks Identität als „Iwan der Schrecklichen“ durchaus zu vereinbaren: Er hätte ja täglich zwischen Treblinka und Sobibor pendeln können (eine Entfernung von rund hundert Kilometern auf schlechten polnischen Straßen). Den anderen Teil der Aussage, in dem von Flossenbürg sowie vom Triest-Aufenthalt des Gaskammer-Iwan von Treblinka die Rede war, ignorierten sie einfach, als sei dieser Teil ohne Relevanz.

Ich glaube nicht, daß die amerikanischen Strafverfolger niedere Motive hatten, so fest an Demjanjuks Schuld zu glauben und derart verantwortungslos mit dem ihnen vorliegenden Beweismaterial umzugehen. Vielmehr war es der Schrecken, den Iwan verbreitete und der sie bis in ihre Nachforschungen verfolgte.

Das bedeutete jedoch, daß die Israelis ihre Entscheidungen auf der Grundlage unvollständigen und daher fehlerhaften Wissens trafen. 1986 hatten sie Einsicht in die gesamte Korrespondenz der US-Ermittlungsbehörde mit den Sowjets gefordert. Das hätte nicht nur Daniltschenkos Aussage eingeschlossen, sondern auch Auszüge aus Zeugenberichten bei anderen sowjetischen Prozessen und einen hundertseitigen Bericht über Demjanjuk, den die Sowjets im Dezember 1979 den Amerikanern ausgehändigt hatten. Fast all dies wurde ihnen vorenthalten, wodurch es den israelischen Anklägern und Verteidigern fast unmöglich war, den Fall korrekt zu Ende zu bringen.

Das Erschreckendste sind letztendlich nicht die Fehler, die den geplagten israelischen Richtern unterliefen. Viel schockierender ist die Tatsache, daß sich das israelische Gericht, nachdem man die Überlebenden vor Gericht noch einmal einer qualvollen Prozedur unterzogen hatte, gezwungen sah, einen Fall zu verhandeln, der auf falschen Prämissen beruhte, weil es nicht in Besitz des vollständigen Beweismaterials war.

Noch immer behaupten einige – und nicht nur ehemalige KZ-Häftlinge –, Demjanjuk müsse „Iwan der Schreckliche“ gewesen sein. Sie halten daran fest, weil sie den Gedanken nicht ertragen, all die Sorge, der Zorn, der Schmerz und die Mühe seien umsonst gewesen. Doch auch wenn wir heute wissen, daß John Demjanjuk nicht jener abscheuliche Mann war, steht fest, daß er als SS-Wärter im Vernichtungslager Sobibor sowie in den Konzentrationslagern Flossenbürg und Majdanek gearbeitet hat. Dies geht aus Dokumenten hervor, die seinen Namen samt Paßnummer tragen und die der israelische Ankläger Michael Shaked im vergangenen Jahr in den gerade zur Einsicht freigegebenen sowjetischen Gerichtsakten und in deutschen Archiven aufspürte. In Flossenbürg steht sein Name auf mehreren Wärter-Dienstplänen und Waffenverteilungslisten. In Majdanek fand man eine Beschwerde über ihn und zwei andere Wärter wegen eines geringfügigen Verstoßes gegen die SS-Regeln. Dies beweist zwar, daß Demjanjuk Wärter bei der SS war, doch können die Richter daraus nicht das Ausmaß seiner Schuld ableiten, weil wir nicht wissen, welche Verbrechen er tatsächlich begangen hat.

Ein Fall für die Moral

Die Wahrheit, dokumentiert und mittlerweile eher ein Fall für die Moral als für die Justiz, liegt darin, daß Demjanjuk schuldig ist, auch wenn einzelne Verbrechen nicht mehr nachweisbar sind, denn leider gibt es so gut wie niemanden mehr, der zuverlässige Aussagen über einzelne Taten machen kann. Für die Überlebenden ist zuviel Zeit vergangen, ihr Leid war zu groß, und zu viele schreckliche Erinnerungen haben sich in ihren Köpfen festgesetzt, als daß sie Erinnerungen und Alpträume, Wahrheit und Verfälschung noch auseinanderhalten könnten.

Sollten die Richter den Schuldspruch zurücknehmen, werden sie vielleicht einen anderen Weg finden, den Fall Demjanjuk zu verhandeln. Doch wofür sie sich auch immer entscheiden – ich hoffe, sie können klarstellen, daß ein Freispruch nach einer lückenhaften Anklage nicht als Unschuldsbeweis interpretiert wird.

© The New York Review

Aus dem Englischen von Sigrid Weise