Von Peter J. Opitz

Ziemlich genau vor vierzig Jahren erschien im Verlag der Universität von Chicago eine Studie mit dem Titel „The New Science of Politics“. Es war das erste Buch, das Eric Voegelin nach seiner Flucht aus Wien im Jahre 1938 veröffentlichte, und es machte den Politikwissenschaftler an der Louisiana State University (Baton Rouge) über Nacht in den USA bekannt. Vor allem aber war es das Buch, in dem er erstmals einen Entwurf seiner Philosophie vorlegte, die er in den wenige Jahre später anlaufenden ersten Bänden seines magnum opus im einzelnen ausführen sollte: „Order and History“, dessen letzter Band erst vor wenigen Jahren, nach dem Tode Voegelins erschien.

Das Entree, das die „New Science of Politics“ erhielt, hätte nicht besser sein können. Im März 1953 wurde sie von Time in den Mittelpunkt eines längeren Artikels gestellt, in dem das Magazin seinen dreißigjährigen Gründungstag zum Anlaß einer umfassenden Analyse der geistigen und politischen Situation der Zeit, der Rolle der USA und der Aufgabe des Journalismus nahm: „Der Journalismus und Joachims Kinder“. Gemeint war der kalabrische Mönch Joachim von Fiore, den Voegelin in seiner Studie als einen der großen Wegbereiter der Moderne und der sie dominierenden gnostischen Massenbewegungen bezeichnet hatte.

Die Charakterisierung des Wesens der Modernität als „Gnostizismus“ beherrschte weite Teile des Buches. Voegelin erhellte die Wurzeln der modernen Gnosis in einem am Diesseits orientierten Christentum, untersuchte seinen allmählichen Aufstieg im Umkreis millenarischer Sektenbewegungen, die seit dem 16. Jahrhundert in großen Teilen Europas an die Oberfläche gestoßen waren; die Verbindung mit dem bald entstehenden Glauben an die Wissenschaft als Mittel zur Erlösung der Welt und des Menschen; den Verlust der letzten Reste christlicher Substanz im Zeitalter der Aufklärung. Den Schlußpunkt bildete die Verschmelzung mit den großen Massenbewegungen und totalitären Parteien des 20. Jahrhunderts.

„Die Massivität dieser Geschichtstiefe muß bedacht werden“, schreibt Voegelin im April 1952 im Merkur, „wenn man die Massivität der gnostischen Bewegungen unserer Zeit verstehen will.

Ihre Zerstörungsmacht entspringt nicht den Dummheiten von ein paar Intellektuellen des 19. und 20. Jahrhunderts; sie ist vielmehr der kumulative Effekt ungelöster Probleme und schiefer Lösungsversuche über ein Jahrtausend westlicher Geschichte. Und der Ursprung in häretischen Bewegungen des Hochmittelalters weist darauf hin, daß es sich um Probleme einer expansiven städtischen und nationalen Hochkultur handelte, deren Lösung das institutionalisierte Christentum der Zeit nicht gewachsen war.“

Voegelins Interpretation der Gegenwart aus der Perspektive eines jahrhundertelangen Ringens, sein Bericht von der Unterwanderung der europäischen Zivilisation und ihrer allmählichen Zersetzung durch eine gnostisch-szientistische Gegenkultur faszinierte ebenso wie der von ihm prognostizierte Zusammenbruch der kommunistischen Reiche an ihren immanenten Widersprüchen und seine Hoffnung auf die kulturelle und politische Erneuerung aus dem Geiste der westlichen Demokratie und der griechischen Philosophie. Über dem zeitgenössischen Interesse übersah man allerdings das eigentliche Anliegen des Buches – den Entwurf einer „neuen Wissenschaft der Politik“.