Von Volker Mauersberger

Die symbolträchtige, alles erhellende Schlüsselszene ereignet sich ausgerechnet in Deutschland, am vergangenen Sonnabend im Reichstag zu Berlin. Am Sarge Willy Brandts spricht Felipe Gonzälez, der dem Verstorbenen vielleicht doch der liebste unter seinen politischen Erben war. Noch vor kaum einem Monat hatte Gonzälez hier in Berlin den Kongreß der Sozialistischen Internationale mit einer persönlichen Botschaft des Schwerkranken eröffnet. Einen Tag später war er zu einem langen, letzten Zwiegespräch am Krankenbett Brandts in dessen Haus in Unkel am Rhein. Nun steht Gonzälez vor den versammelten Trauergästen aus aller Welt und ehrt einen Toten, mit dem ihn, einen der inzwischen dienstältesten Regierungschefs in Europa, weit mehr als nur politische Freundschaft verband.

Der große persönliche Mut, mit dem González im politischen Untergrund aktiv war, die Risikobereitschaft, mit der er Spanien aus der Isolation hinausführte und in das westliche Europa integrierte – waren dies nicht Facetten einer Biographie, die in vielem der des Verstorbenen ähnlich war? Auch Gonzälez war in seiner Jugend ein stürmischer Revolutionär – "ce garçon sans cravatte", wie ihn François Mitterrand damals mit ironischer Bewunderung nannte. Zwei Jahrzehnte später hat er sich zum pragmatischen Visionär gewandelt, ja fast zur politischen Vaterfigur seines Landes.

Während er an diesem Vormittag in warmen, persönlichen Worten über sein Verhältnis zu Brandt spricht, erinnere ich mich an jene Szene am 17. November 1975 während des SPD-Parteitages in Mannheim. Der Vorsitzende Willy Brandt unterbrach plötzlich alle Diskussionen. Mit langsamen Schritten ging er auf einen jungen Mann im zerknitterten Cord-Anzug zu, der soeben den Saal betreten hatte: "Isidoro" alias Felipe Gonzälez dem die spanische Guardia Civil nach schwierigen diplomatischen Bemühungen einen Reisepaß für seinen ersten Deutschlandbesuch ausgehändigt hatte. "Ich bin in der Diktatur geboren, aufgewachsen und lebe in ihr – mit meinen 33 Jahren habe ich nie etwas anderes kennengelernt", sagte er damals. "Ich hoffe, daß unsere Partei, meine beiden Kinder und ich bald in einer demokratischen Ordnung leben können."

Drei Tage später starb Franco – "Isidoro" kehrte in eine aufgewühlte, von Trauer und schlimmen Zukunftsängsten erfüllte spanische Hauptstadt zurück. Fast zufällig sah ich ihn an einem frühen Morgen wieder: Er kam mit hochgeschlagenem Mantelkragen, in vorsichtiger Haltung aus einem der U-Bahn-Schächte in der Nähe der Calle Serrano von Madrid. "Man muß mit allen Schwierigkeiten rechnen", hatte er vor dem Abflug aus Mannheim gesagt, "man wird oft verhört und vernommen und mit hohen Strafen bedroht. Zur Zeit werden wieder acht Jahre Haft für mich gefordert."

In jener Zeit beginnt die steile, von Rückschlägen fast freie Karriere eines Politikers, der mit fünfzig Jahren noch immer zu den jüngsten Regierungschefs in Europa gehört. Vom armen andalusischen Arbeiteranwalt stieg er zum spanischen Ministerpräsidenten auf, der dreimal hintereinander die absolute Mehrheit errang. Ohne sein konsequentes Eintreten gegen das Franco-Regime wäre Gonzälez nie der triumphale Wahlsieger geworden, der am 28. Oktober 1982 über zehn Millionen Wählerstimmen gewann. Sein gescheiterter, in heftigen Diadochenkämpfen zerschlissener Vorgänger Adolfo Suárez hatte als ein "Held des Übergangs" den Wandel von der Diktatur zur Demokratie inszeniert; Gonzälez symbolisierte dank seiner politischen Herkunft am besten den Bruch zwischen dem verknöcherten Ständestaat Francos und der modernen Industriegesellschaft. Spanien brauchte 1982, kaum fünfzehn Monate nach einem gescheiterten Putschversuch der meuternden Guardia Civil, einen neuen, untadeligen Hoffnungsträger; und die Mehrheit der Wähler jubelte jenem "Felipe" zu, der sich rasch und ohne Skrupel in einen "Señor Presidente" verwandeln sollte.

Im Rückblick auf die zehnjährige Regierungszeit von Gonzälez wird gern vergessen, wie gefährdet der politische Neubeginn im Herbst 1982 tatsächlich war: Die Gespenster der Diktatur warfen damals noch drohend ihre Schatten, und die neue, politisch völlig unerfahrene Regierungsequipe unter Felipe Gonzälez saß buchstäblich auf einem Pulverfaß. Niemand hat damals vorherzusagen gewagt, daß der Wahlsieg der Sozialisten die Demokratie in Spanien festigen und ab 1985 sogar zu einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung führen würde.